SOMAR //Kapitel 3







Kapitel 3

Weiße Schiffe, Schwarzer Rauch.





Es herrschte absolutes Chaos. Die Geschosse der Angreifer zischten durch den Raum und verfehlten ihr Ziel meist nur um Haaresbreite. Statt dessen schlugen die Projektile in Boden und Wänden ein, wo sie Splitter heraussprengten, die kreuz und quer durch die Luft wirbelten.
Vidar hatte sofort nach seiner Pistole gegriffen, die vor ihm auf dem Tisch gelegen hatte, sie im Handumdrehen an sein StreamPack angeschlossen und einige Salven gegen die Angreifer gefeuert. So verschaffte er den anderen  Zeit, sich in Sicherheit zu bringen. Die Rebellen versuchten die nächst beste Deckung zu erreichen, einige duckten sich hinter den Kommandotisch, andere hinter den gestapelten Ausrüstungskisten, oder dem mit Waffen bestückten Regal. Paan hatte das Regal fast erreicht, als er sich nach Lily umschaute. Eine eisige Hand legte sich um sein Herz. Sie lag auf dem Boden vor den niedrigen Blechkisten, auf denen sie wenige Sekunden zuvor noch gesessen hatte. Sie lag mit dem Rücken zu ihm, sodass Paan nicht sehen konnte ob sie...
Er machte auf der Stelle kehrt und rannte, durch den Kugelhagel, durch den Regen aus Splittern und aufgewirbeltem Staub an Lilys Seite.
Als er sie leise schluchzen hörte, löste sich die eisige Klaue in seiner Brust langsam wieder. Mit eingezogenem Kopf schaute er sich verzweifelt nach Hilfe um, doch die Rebellen hatten sich bereits verschanzt und begannen nun das Feuer zu erwidern, so gut sie konnten. Immerhin gelang es ihnen die Somarer daran zu hindern, ohne weiteres von der Plattform herunterzukommen und sich auf breiter Front im Raum zu verteilen. Denn dann wäre der Kampf so gut wie verloren.
Schüsse pfiffen dicht über Paans und Lilys Köpfe hinweg, oder schlugen neben ihnen in den Boden ein. Die Blechkisten boten nur sehr dürftigen Schutz, und lange würden sie dem vehementen Beschuss nicht mehr standhalten. Da fiel Paans Blick auf den Rucksack, den Tido bei sich getragen und beim Beginn des Angriffs fallen gelassen hatte. Er lag nur zwei Armlängen von Paan entfernt auf dem Boden, und aus der Öffnung an der Oberseite schaute der Griff einer Pistole hervor. Wenn er Lily in Sicherheit bringen wollte, würde er ihr Feuerschutz geben müssen, soviel stand fest. Doch der Rucksack befand sich knapp in der Schusslinie des Feindes, sodass immer wieder Kugeln rundherum einschlugen und wenn Paan nicht schnell handelte, würden sie irgendwann die Waffe treffen und zerstören. Mit weichen Knien schob er sich bis an den Rand ihrer Deckung und biss die Zähne zusammen.
Dann ließ er blitzartig seine Hand vorschnellen, bekam einen Gurt zu fassen und zog die Tasche mit einem Ruck zu sich. Gleich darauf schlugen mehrere Kugeln an der Stelle ein, wo sie gerade noch gelegen hatte. Mit zitternden Fingern nestelte Paan an dem bereits halb offenen Verschluss des Rucksacks herum. Dann bemerkte er das kleine runde Loch an der Unterseite der Tasche, aus dem eine Flüssigkeit tropfte, die ihn stark an Batteriesäure erinnerte. Seine Hoffnung sank. Vorsichtig zog er die Waffe aus der Tasche, und wie er befürchtet hatte, war sie getroffen worden. Paan sah sich den Schaden etwas genauer an. Nachdem er die Pistole einige Male hin und her gedreht hatte, stellte er fest, dass lediglich das StreamPack der Waffe etwas abbekommen hatte. Mit einer kleinen Drehung an der Pack Halterung war der defekte Energiespeicher entfernt und Paan machte sich daran eines seiner eigenen StreamPacks, die an seinem Gürtel hingen, anzuschließen. Dann hielt er kurz inne und griff stattdessen nach dem Adapter des großen Packs auf seinem Rücken. Es war das zweite Mal an diesem Tag, dass ihm dieses Teil aus der Patsche helfen würde. Als er die Pistole angeschlossen hatte überprüfte er die Ladeanzeige der Waffe, die ihm wie erwartet eine volle Ladung anzeigte. Daneben leuchtete jedoch ein Warnlämpchen, das Paan daran erinnerte, dass die angeschlossene StreamPack mehr Energie zuführte, als die Waffe auf Dauer aushalten würde. Er konnte dadurch zwar sehr durchschlagskräftige Schüsse abgeben, aber wenn er zu lange ohne Pause feuerte, würde die Pistole in seiner Hand überhitzen und explodieren.
„Lily, hörst du mich? Wir müssen hier weg. Nur ein paar Meter, da ist es sicherer.“
Zwischen zwei Schluchzern bekam er ein zaghaftes Nicken als Antwort. Paan machte sich bereit aufzuspringen und ein oder zwei Salven gegen die Feinde abzufeuern, um ihren Rückzug hinter die massiven Regale zu decken.
„Wenn ich ‚los‘ sage, läufst du, so schnell du kannst dort hinten zu den anderen, okay?“
Als Antwort bekam er ein weiteres Nicken, doch Paan war sich nicht sicher, ob sie es schaffen würde. Sie zitterte immer noch am ganzen Leib. Was konnte er nur tun? Wieder drohte die Verzweiflung ihn zu übermannen.
Dann hörte er Vidars ruhige Stimme hinter sich.
„Ich dachte ich schau mal vorbei, und frag nach, ob ihr Hilfe brauchen könnt.“
Paan drehte sich um und sah Vidars breites Grinsen hinter dem großen Deckel einer Waffenkiste hervorschauen, den er als Schild benutzte. Gleich darauf schlugen drei Kugeln in den improvisierten Schild ein, der aber bis auf ein paar Dellen keinen Schaden nahm.
„Bisschen miese Stimmung hier, was? Besser wir bringen deine Freundin in Sicherheit, Paan.“
Zu zweit halfen sie Lily auf und zogen sich dann unter dem Schutz von Vidars Kistendeckel hinter die Regale zurück, wo Kerel gerade damit beschäftigt war eine große Streamkanone einsatzbereit zu machen.
Die Rebellen hatten schon vor einiger Zeit ein paar der unhandlichen Kanonen, aus den höher gelegenen Fertigungshallen der Fabrik hergeschafft. Jetzt hing die mächtige Waffe, von Gurten gehalten, am Maschinenarm des kräftigen Rebellen, der mit seiner Arbeit sichtlich zufrieden war.
„Jetzt fehlt mir nur noch die Stream-Power, um das Baby abzufeuern.“
Als Paan ihm daraufhin sein Pack anbot, lehnte Kerel jedoch dankend ab.
„Is nett gemeint Junge, aber da muss schon was größeres her. Da drüben, wo sich Jonko, Goldlöckchen und der Professor versteckt haben, da steht so ein Teil. Aber da kommen wir im Moment wohl nich‘ ran, schätz ich mal.“
„Naja, aber hier bleiben können wir auch nicht ewig“, erwiderte Vidar, während er durch eine Lücke zwischen den Regalen ein paar gut gezielte Schüsse auf die Soldaten abgab, die gerade versuchten, die Treppe von der Plattform herunter zu kommen. Der Vorderste von ihnen wurde getroffen, stürzte, und blieb auf der Treppe liegen, sodass er den Nachrückenden das Weiterkommen erschwerte.
„Der hat gesessen! Aber lange geht das so nicht weiter, die werden längst Verstärkung angefordert haben und uns geht in diesem Hexenkessel irgendwann die Munition aus.“
„Und was schlägst du vor?“, wollte Kerel wissen, „der einzig andere Weg hier raus führt über die Aufzüge. Aber ich möcht wetten, dass die schon auf jeder Etage wie die Katzen vor den Löchern hocken, und nur drauf warten, dass wir uns portionsgerecht selbst servieren.“
„Heißt das, wir sitzen hier in der Falle?“ fragte Paan ungläubig.
Er sah zu Lily herüber, die sich inzwischen etwas beruhigt hatte, doch immer noch sichtlich mitgenommen war und keinen Laut von sich gab. Behutsam legte er eine Hand auf ihren Arm, woraufhin sie erschrocken zu ihm aufsah.
„Nein“, sagte Vidar nachdem er noch ein paar Salven in Richtung der Plattform abgegeben hatte, „das heißt lediglich, dass wir unser Hirn benutzen müssen. Es gibt noch einen anderen Ausweg.“
An Kerel gewandt fügte er hinzu: „Aber der wird dir nicht gefallen, mein großer Freund.“

Es brauchte mehrere Anläufe, den anderen Rebellen, die hinter dem Kommandotisch und den Ausrüstungskisten Stellung bezogen hatten, per Handzeichen zu erklären, was Vidar vor hatte. Als endlich alle instruiert waren, warteten sie auf das vereinbarte Zeichen.
Vidar riskierte noch einen kurzen Blick über die Deckung, dann zog er den Sicherungsstift aus der Rauchgranate. In hohem Bogen schleuderte er sie in die Mitte des Raumes. Zwei Sekunden später baute sich zwischen den Fronten eine Wand aus dichtem Nebel auf, der es unmöglich machte zu sehen, was auf der anderen Seite passierte. Sofort stürmten die Rebellen los in Richtung des Kommandotisches und feuerten dabei wütende Feuerstöße durch den Nebel, um die Somarer so lange wie möglich in ihrer Deckung festzunageln. Am Tisch angekommen schloss Kerel seine Kanone an das gewaltige StreamPack an, das Jonko mitgeschleift und schwer atmend abgestellt hatte.
Einen Augenblick später wurde die Luft von glühenden Projektilen durchsiebt, die jenseits des rauchenden Vorhangs ein deutlich hörbares Chaos unter den Somarern anrichteten. Währenddessen machten sich die anderen daran die Abdeckung eines Wartungsschachtes im Boden zu öffnen, der unter dem Raum hindurchführte. Dann ließen sie sich, einer nach dem anderen, in den schmalen Schacht hinab, während Kerel unermüdlich weiterfeuerte. Als Paan an der Reihe war und bereits am Rand der Öffnung saß, zögerte er. Das plötzliche Gefühl, irgendetwas vergessen zu haben, ließ ihn innehalten. Sein Blick schweifte auf der Suche nach dem Grund durch den Raum und blieb am Kommandotisch hängen. Da war es. Er sprang auf, lief tief geduckt zum Tisch, und griff blitzschnell nach dem DatenPad mit dem Plan der Rebellen. Als er den Stecker herauszog erlosch die Projektion des Stadtplanes auf dem Tisch. Zurück beim Wartungsschacht wollte er Vidar das Pad geben, doch der winkte ab.
„Du hast gerade bewiesen, dass die Pläne bei dir in den sicheren Händen sind. Pack sie ein und pass gut drauf auf, wir werden sie hoffentlich irgendwann noch brauchen.“
Kerel und Vidar waren die letzten, die in den Schacht kletterten. Sie hatten zuvor noch die Kanone auf dem StreamPack festgegurtet und auf Dauerfeuer eingestellt. Das würde die Somarer eine Weile aufhalten, bevor sie entdeckten, dass die Rebellen entwischt waren, und ihnen so einen kleinen Vorsprung verschaffen.
Als Vidar die Abdeckung wieder über das Loch im Boden gezogen hatte, saßen sie alle dicht beieinander im schwachen Licht der Notbeleuchtung, die hier unten automatisch aufleuchtete, sobald der Wartungstunnel benutzt wurde.
„Ich hoffe doch sehr, dass dein Fluchtplan hier nicht endet, Vidar.“, merkte Amaya an, „von einem Vollblutaristokraten wie dir hatte ich mir ehrlich gesagt etwas Komfortableres erhofft, als eine dunkle, enge Tunnelröhre.“
„Keine Sorge, Werteste, es würde mir nicht im Traum einfallen, dich zu enttäuschen. Tido? Du kennst dich doch hier aus, in welcher Richtung liegt die Endfertigungshalle?“
Der kleine Rebell überlegte kurz bevor er antwortete.
„Na, ich bin zwar noch nie in den Tunneln hier gewesen, aber das müsste eigentlich ganz leicht sein. Hier weiter geradeaus und bei der nächsten Möglichkeit einfach hoch klettern, bis wir da sind.“
„Und woran erkennen wir bitte, dass wir da sind?“ wollte der alte Veikko wissen, dem sichtlich unwohl war in dem engen Schacht, umgeben von dick gebündelten Kabeln und allerlei Rohrleitungen, die ihm den ohnenhin kaum vorhandenen Platz streitig machten.
„Na, auf dem Weg nach oben müsst‘s eigentlich horizontale Abzweigungen geben, die in die einzelnen Produktionsebenen führen. Und wenn wir an ne Stelle kommen, wo lange keine Abzweigung mehr is, dann sind wir da. Die Endfertigung is‘ nämlich der höchste Raum in der Fabrik.“
„Ich ahne was du vorhast, Vidar“, sagte Amaya, „Gewagt, aber wahrscheinlich unsere einzige Chance.“
Die anderen Rebellen nickten zustimmend. Paan dagegen hatte nicht die geringste Ahnung, was Vidar vorhatte, aber das kümmerte ihn im Moment weniger. Er zwängte sich an den anderen vorbei, um nach Lily zu sehen, die vor ihm in den Tunnel gestiegen war. Jetzt wo sie nicht mehr unter Dauerbeschuss standen, ging es ihr schon deutlich besser.
„Wer war dieser Junge, der oben auf der Plattform stand, bevor die Soldaten gekommen sind? Ich hab ihn schon mal irgendwo gesehen. War das nicht der gleiche, der dich auf dem Platz vorhin angesprochen hat?“, fragte sie Paan.
„Ja, das war Miikael. Elender Verräter, wenn ich den in die Finger kriege, ... Er muss mir irgendwie gefolgt sein.“
„Oder mir. Paan, Ich hätte dir nicht folgen sollen. Aber du stürzt dich immer Hals über Kopf in irgendwelche Schwierigkeiten, und da wollte ich...“
„Nein Lily, dich trifft keine Schuld, hörst du? Ich hätte einfach besser aufpassen müssen. Aber dafür ist es jetzt zu spät. Ich werd uns hier raus bringen, koste es was es wolle... Versprochen.“
Nach ein paar Metern, die sie geduckt durch den Wartungstunnel gegangen waren, erreichten sie den senkrechten Schacht, von dem Tido gesprochen hatte. Eine Leiter führte an der Innenseite entlang sowohl nach oben, als auch nach unten. Aus der Tiefe stieg heiße, trockene Luft auf und trug den Geruch von geschmolzenem Eisen mit sich. Nacheinander erklommen sie die Sprossen der Leiter, wobei Tido, flink wie ein Wiesel, voraus kletterte um den Weg auszukundschaften und ihnen zu sagen, wann sie abbiegen mussten.

Es war ein langer und mühseliger Aufstieg und die heiße Luft machte es nicht gerade leichter. Doch letzten Endes gelangten alle mehr oder weniger wohlbehalten in den Tunnel der Endfertigungsebene, der etwas mehr Platz bot, als der unter dem Kontrollraum. Endlich wieder festen Boden unter den Füßen legten sie erst einmal eine kurze Verschnaufpause ein.
Doch ihnen war keine Erholung vergönnt. Schon drangen von weit unten die Rufe und Befehle der somarischen Soldaten herauf, die inzwischen den Schacht entdeckt, und die Verfolgung aufgenommen hatten.
„Los, weiter, dort vorne ist ein Ausstieg!“, drängte Vidar, während Jonko mit seinem Stream Revolver ein paar Mal in die Tiefe feuerte, um die Somarer ein wenig zu bremsen. Paavo und Akin hoben indessen die schwere Ausstiegsluke ein paar Zentimeter an und spähten hinaus.
„Die Luft ist rein“, meldete Akin, „vielleicht kommen wir hier ja doch noch heil raus.“
Hastig schoben sie die Luke vollends auf und kletterten hinaus. Paavo und Akin knieten sich oben hin und halfen den anderen dabei aus dem Schacht zu steigen. Als sie Paan mit einem Ruck heraushoben und er stolpernd auf dem blanken Stahlboden zum Stehen kam, blickte er sich um. Vor Staunen war er wie gebannt. Ihm war jetzt klar, in was für einer Fabrik sie sich befanden, und ihm dämmerte auch wie Vidars Fluchtplan aussah.
Um ihn herum hingen gewaltige Kräne und Transportbänder von der Decke herab. Daran waren hintereinander aufgereiht, wie an einer Perlenkette, dutzende von Jagdschiffen der Luftstreitkräfte von Ravaan. Noch nie hatte Paan die schnellen, eleganten Kampfschiffe von Nahem gesehen, und jetzt, wo er zwischen ihren Reihen stand, konnte er den Blick nicht mehr abwenden. Strahlend neu, glänzte ihre bunt lackierte Hülle unter den Scheinwerfern der Endfertigungshalle, wo sie seit Wochen auf ihren ersten Einsatz warteten, der doch nie kommen sollte. Doch das würde sich jetzt ändern.
Aber wie wollte Vidar sie alle hier raus bringen, die Jäger waren Ein-Mann-Luftschiffe und Paan bezweifelte, dass Lily und er die einzigen waren, die noch nie ein Luftschiff selbst geflogen hatten. Er sah sich weiter in der großen Halle um und tatsächlich gab es noch einige weitere Schiffstypen, von kleinen Aufklärern, bis hin zu den etwa vierzig Meter langen Patrouillenschiffen.

„Hört mal her“, forderte Vidar sie auf, als alle oben waren, „wir teilen uns besser auf. Akin, du nimmst einen Aufklärer und fliegst voraus. Wenn es Probleme gibt, oder die Somarer uns den Weg abschneiden, gibst du uns über Funk Bescheid, damit wir noch die Möglichkeit haben auszuweichen. Amaya, du fliegst die anderen in einem Patrouillenschiff raus, das sollte am Sichersten sein. Ich werde euch mit einem Jagdschiff den Rücken frei halten. Wenn ihr gezwungen werdet den Kurs zu ändern, oder umzukehren, übernehme ich die Vorhut, und Akin, du folgst uns dann, wenn möglich. Sobald wir außer Sichtweite unserer Verfolger sind, fliegen wir runter in die Altstadt und suchen uns in den Ruinen einen Landeplatz. Am besten eine verlassene Markthalle, oder etwas in der Art, wo wir die Schiffe verstecken können. Wir müssen erst mal untertauchen, bis sich die Lage etwas beruhigt hat.“
„Heißt das, wir können nicht nach Hause?“, fragte Lily entsetzt. Ihr war unwohl bei der Vorstellung, dass Frau Difuur und die Kinder nicht wussten warum und wohin Paan und sie verschwunden waren. Und wenn sie jetzt nicht bald zurückkamen... Lily hatte damit gerechnet, dass sie spätestens zum Abendessen wieder zu Hause sein würden.
„Wir können bestimmt irgendwie eine Nachricht ins Heim schicken, damit sie sich keine Sorgen machen“, schlug Paan vor, der Lilys Kummer erahnte.
„Schön und gut, Vidar“, bemerkte Veikko mit zweifelnder Miene, „aber was tun wir, wenn die Somarer uns mit ihren Schiffen verfolgen, und wir sie nicht abschütteln, nicht ungesehen landen und untertauchen können?“
„Dann müssen wir...“, weiter kam Vidar nicht mit seiner Antwort, denn in diesem Moment fiel der erste Schuss und traf Akin genau zwischen die Schulterblätter. Er ging zu Boden und blieb regungslos liegen.
Die Angreifer waren nicht durch den Schacht gekommen, den Kerel die ganze Zeit mit seiner Pistole im Anschlag genauestens überwacht hatte. Statt dessen kamen sie jetzt von beiden Seiten durch die großen Tore, durch die auch die Transportbänder in die große Halle liefen.
„Los, zu den Schiffen!“, rief Vidar den anderen zu, die sich allesamt auf den Boden geworfen hatten, um im Kreuzfeuer nicht getroffen zu werden. Jetzt sprangen sie auf, rannten so schnell sie konnten, tief geduckt und über die Schulter feuernd, in Richtung des nächsten Patrouillenschiffes. Vidar erreichte als Erster seinen Jäger, kletterte ins Cockpit und löste die Haltevorrichtung des Transportbandes. Die Maschinen des Schiffs sprangen sofort an, sodass es auf der Stelle in der Luft schwebte. Während die anderen gerade die Rampe des Patrouillenschiffs erreichten, drehte Vidar den Jäger um die eigene Achse und feuerte eine Reihe von Salven aus den mächtigen Bordkanonen gegen die anrückenden Somarer und zwang sie so zum Rückzug.
Paan schob Lily die Rampe hinauf in das Schiff, wo sie fürs Erste sicher sein würde. Dann drehte er sich um und half dem alten Veikko, der inzwischen am Ende seiner Kräfte war. Hinter Veikko bemerkte er aus dem Augenwinkel eine Bewegung und als er aufsah gefror ihm das Blut in den Adern.
Durch eines der Tore, aus denen die Somarer hervorgestürmt waren, kam jetzt ein weißes Ungetüm von einer Kampfmaschine. Ein gewaltiger Roboter, der seine massige Waffe mit einer langsamen, kraftvollen Bewegung auf Vidars Jäger richtete. Vidar konnte das Schiff im letzten Moment mit einer Seitwärtsbewegung aus der Schusslinie bringen, sodass das Projektil den hinter ihm am Transportband hängenden Jäger traf. Der Schuss riss das gesamte Heck des Schiffs in Stücke. „Schnell, wir müssen hier weg!“, rief Paan in Richtung des Cockpits, wo Amaya gerade die Triebwerke startete.
Kerel und Paavo hatten den Roboter ebenfalls bemerkt und die Bordgeschütze des Patrouillenschiffes bemannt. Sie feuerten was das Zeug hielt, doch die vergleichsweise leichten Bordgeschütze hatten keine Chance die Panzerung des Kampfroboters zu durchdringen. Alles was sie erreichten war, dass er unter dem Dauerbeschuss ein wenig ins Wanken geriet, und seine Waffe nicht gleich nachladen konnte. Aber das würde vielleicht schon genügen. Das Patrouillenschiff hob jetzt langsam ab und die Rampe wurde eingefahren. Paan und Lily setzten sich eilig in die beiden noch freien Sitze und legten die Gurte an. Auch Vidar hatte seinen Jäger wieder in Richtung der offenen Hangartore gewendet, die nach draußen führten. Die beiden Schiffe begannen zu beschleunigen und Paan krallte sich in seine Armlehne, als er fühlte wie er in den Sitz gepresst wurde.
Dann begannen die Hangartore sich zu schließen.
„Haltet euch fest, es wird gleich etwas holprig“, rief Amaya ihnen aus dem Cockpit zu.
Lily sah mit großen Augen zu Paan herüber, „noch holpriger?“
Paan nahm ihre Hand in die seine und spürte, dass sie immer noch bebte.
„Wir schaffen das schon. Ich...“
„Amaya! Ausweichen!“, brüllte Kerel plötzlich, als er sah, wie der somarische Kampfroboter seine nachgeladene Waffe auf sie richtete.
Mit einem gewaltigen Ruck riss Amaya das Schiff zur Seite, sodass Paan und Lily in ihren Sitzen hin und her geschleudert wurden. Das Geschoss verfehlte sie nur knapp, flog an ihnen vorbei und zerriss den rechten Flügel des Hangartores.
„Vielen Dank fürs Tür aufhalten, Trottel!“, rief der kleine Tido von seinem Platz an der Navigationskonsole.
Dann jagten sie durch die Hangartore nach draußen, dicht gefolgt von Vidar.

„Jaaa, wir haben‘s geschafft!“, jubelte Tido aufgeregt. Doch Jonko bremste seine überschwängliche Euphorie:
„Freu dich nicht zu früh kleiner, hier draußen wimmelts von somarischen Jägerpatrouillen. Die wissen bestimmt bald Bescheid über unsere Flucht.“
„Jonko hat recht“, bestätigte Amaya, „haltet die Augen auf. Ich versuche mit Vidar in Funkkontakt zu bleiben, er fliegt uns jetzt ein Stück voraus und warnt uns, wenn sie uns entgegenkommen.“
„Hinter uns is‘ jedenfalls noch nichts zu sehen“, meldete Kerel aus der unteren Geschützkanzel.
„Über uns auch nicht“, ergänzte Paavo aus der oberen.
Amaya setzte kurz ihr Funkgerät ab, um die Anweisungen weiterzugeben, die Vidar ihr gerade gegeben hatte:
„Kerel, halte unter uns schon mal nach einem geeigneten Landeplatz Ausschau, vielleicht haben wir ja ausnahmsweise mal Glück und finden ein Versteck, bevor die Somarer uns wieder auf den Fersen sind“
„Wird gemacht, Kap‘tän.“
„Ihr anderen, haltet die Augen offen. Sucht nach Anzeichen von somarischen Jägern!“
Paan beugte sich vor und versuchte durch das winzige Fenster an seiner Seite etwas zu erkennen, doch alles was er sah, waren die Häuser und Straßen Ravaans, die an ihnen vorbei rasten. Er ließ sich wieder in seinen Sitz sinken und blieb dabei mit seiner Tasche an der Lehne hängen. Als er sie wieder zurechtrückte, fiel ihm das Daten-Pad mit dem Stadtplan und den Patrouillenrouten ein. Rasch kramte er es aus der Tasche hervor. Es bot zwar keine aktuellen Live-Daten, aber er würde zumindest erkennen können, wann sie Gefahr liefen den regulär durch die Schlucht kreisenden Jägern in die Quere zu kommen. Die Fabrik hatte er auf der Karte schnell gefunden und ihre aktuelle Position konnte er auch ungefähr einschätzen. Jetzt verstellte er die Zeitanzeige und vor seinen Augen drehten die blinkenden Symbole ihre Runden durch die Stadt. Als er die Uhr des Plans mit seiner eigenen abgeglichen hatte, machte sein Herz einen erleichterten Hüpfer. So wie es den Anschein hatte, standen ihre Chancen den Jägerpatrouillen zu entgehen überaus gut. Von den vier Staffeln, die in diesem Moment in der Stadt unterwegs waren, kam ihnen keine besonders nahe.
Er lehnte sich wieder zurück und schloss für einen Moment die Augen. Vielleicht war das Glück tatsächlich ausnahmsweise auf ihrer Seite.
„Paan, was blinkt da?“, wollte Lily wissen. Sie hatte sich zu ihm herübergebeugt und betrachtete die Karte.
Paan öffnete die Augen und schaute auf das Pad. Vom Rand des Kartenausschnitts näherten sich zwei leuchtende Punkte der Schlucht. Mit unruhigen Händen verkleinerte er den Kartenausschnitt. Die Punkte waren Jäger, die aus dem Blockadering von Schlachtschiffen rund um die Stadt kamen. Paan drehte die Uhr einige Minuten vor und erkannte, dass sie eine der Jägerstaffeln in der Stadt ablösen würden. Wenn sie dem vorgeschriebenen Flugplan folgten, würden sie in ein bis zwei Minuten irgendwo hinter ihnen die Schlucht erreichen. Aber wenn sie über die Flucht der Rebellen informiert worden waren, dann würden sie wahrscheinlich schon früher eintreffen, und das bedeutete...
„Paavo! Behalt den Rand der Schlucht über uns im Auge, da können jeden Moment zwei Jäger auftauchen!“
„Was? aber... Verdammt! Da sind sie! Amaya!“
„Hab sie auf dem Schirm. Festhalten!“
Schon hagelte der erste Feuerregen auf sie nieder und brachte das Schiff zum Schlingern, sodass Amaya hart gegensteuern musste. Dadurch verloren sie jedoch schlagartig an Höhe und rasten mit hoher Geschwindigkeit auf eine Brücke zu. In letzter Sekunde gelang es Amaya unter der Brücke durchzutauchen und das Schiff anschließend knapp über dem Fluss wieder abzufangen, bevor sie ins Wasser stürzten. Unter ihnen jagte jetzt der reißenden Strom dahin, während die Somarer sich von oben auf sie herabstürzten.
„Jonko!“, rief Amaya aus dem Cockpit, „die haben unser Ruder erwischt, sieh mal zu ob du die Trimmung manuell anpassen kannst, bei mir ist die Automatik ausgefallen.“
„Wird erledigt“, antwortete der Maschinist und war schon dabei eine Abdeckung von der Innenverkleidung zu lösen, um an die darunter liegende Hydrauliksteuerung zu kommen.
Die somarischen Jäger hatten sich jetzt hinter sie gehängt und nahmen sie immer wieder unter Beschuss, sodass Amaya gezwungen war wilde Ausweichmanöver zu fliegen. Kerel und Paavo an den Bordgeschützen taten ihr Bestes das Feuer zu erwidern, doch bei dem ständigen Hin und Her bekamen sie die Somarer einfach nicht ins Visier.
„Verdammt, Vidar! Wo steckt der Kerl, wenn man ihn mal braucht?!“, fluchte Amaya.

Zwei Sekunden später explodierte auch schon der erste feindliche Jäger in Vidars Kugelhagel.
Er war vor ihnen abgetaucht und hatte im Schwebeflug unter einer niedrigen Brücke gewartet, bis die Verfolger über ihn hinweggeflogen waren. Dann war er blitzschnell durchgestartet und hatte dabei einen der weißen Jäger erwischt.
Der Pilot des zweiten stellte sich jedoch als wesentlich erfahrener heraus, und obwohl er Vidar im Nacken hatte, gelang es ihm dennoch das Patrouillenschiff immer wieder mit gezielten Feuerstößen zu gefährlichen Ausweichmanövern zu zwingen.
Lily war inzwischen ganz blass geworden, und auch Paan hatte nicht mehr viel Farbe im Gesicht. Jonko hatte bei seiner Arbeit an der Trimmhydraulik ebenfalls große Probleme. Immer wenn er versuchte die empfindliche Steuerung zu justieren, riss ihn einer der schnellen Richtungswechsel fast von den Beinen.
Dann wurden sie wieder getroffen, diesmal in die Flanke. Das Geschoss durchschlug den Rumpf, flog einmal quer durch die Kabine und hinterließ auf jeder Seite ein faustgroßes Loch. Wie durch ein Wunder wurde niemand verletzt, aber aus der offenen Abdeckung, an der Jonko sich gerade noch zu schaffen gemacht hatte, sprühte jetzt ein Funkenregen.
Amaya brüllte in ihr Funkgerät:
„So ein Mist! Vidar, wir haben einen Druckabfall in der Kabine und in der Hydraulik! Die Notsysteme halten das auf Dauer nicht durch, ich kann den Vogel nicht mehr lange oben halten!“
Was Vidar ihr antwortete, konnte Paan nicht verstehen, das Rauschen des Windes durch die beiden Einschusslöcher war einfach zu laut.
„...das ist dein Notfallplan?“, rief Amaya jetzt in ihr Mikro, “... Nein, ich hab keinen Besseren. Aber lass dich bloß nicht abschießen, hast du mich verstanden, Vidar? Sonst ... lass dich einfach nicht erwischen.“
Inzwischen hatten sie die Schluchtgabelung im Stadtzentrum erreicht und steuerten genau auf den Regierungspalast in der Mitte zu. Plötzlich zündete Vidar seinen Nachbrenner, gab seine vorteilhafte Position hinter dem somarischen Jäger auf, überholte ihn und setzte sich direkt vor seine Nase. Der Somarer nahm Vidar sofort unter Beschuss.
Kurz vor den Mauern des Regierungspalastes drehte Amaya dann scharf nach rechts ab, während Vidar nach links ausscherte. Der feindliche Pilot folgte Vidar. Er hatte den Köder geschluckt. Oder er ging davon aus, dass das andere Schiff ohnehin bald abstürzen würde. Die Chancen dafür standen gut.

Doch Amaya war eine ausgezeichnete Pilotin und sie hielt das Schiff mit aller Gewalt in der Luft. Paan wusste nicht wohin sie flogen, aber ihr Ziel konnte nicht mehr weit sein.
Dann geschah das Unvermeidliche. Zwei somarische Jäger, die auf ihrem Kontrollflug über Funk von den fliehenden Rebellen gehört hatten, flogen dem Patrouillenschiff jetzt entgegen. In wenigen Augenblicken würden sie ihnen den Weg abschneiden. Amaya hatte die beiden Jäger schon früh erkannt, da sie hoch über ihnen flogen und sich dann in die Tiefe stürzten um die Fliehenden anzugreifen. Sollten die Somarer sie erreichen, wusste Amaya, dass ihre Chancen diese Begegnung zu überleben schlecht standen. Ihr blieb nicht viel Zeit zu handeln. Mit voller Schubumkehr, brachte Amaya das Schiff etwa hundert Meter vor einer maroden Altstadtbrücke zum Stehen und versuchte es einigermaßen ruhig in der Schwebe über dem reißenden Fluss zu halten.
„Paavo, Kerel! Seht ihr die Brücke dort vorne? Auf mein Kommando feuert ihr alles was ihr habt auf die Brückenköpfe, klar? Wenn ihr schießt, müsst ihr die Augen schließen, also richtet eure Kanonen jetzt schon aus!“
Ohne diesen seltsamen Befehl in Frage zu stellen, taten die beiden was Amaya ihnen gesagt hatte. Sie wussten, dass sie ihr vertrauen konnten.
„Kommt schon runter, ihr Feiglinge“, flüsterte Amaya vor sich hin und lud mit einem Knopfdruck die Bordkanone mit Magnesium-Signalmunition. Den Finger am Abzug wartete sie, bis die Somarer die Brücke fast erreicht hatten. Gleich würde sich zeigen, ob sie das Richtige getan hatte. Wenn nicht, ...

Die Sekunden bis zu ihrem Absturz kamen ihnen vor wie eine Ewigkeit.
Als die Jäger kurz vor der Brücke waren, gab Amaya ihren Befehl:
„Feuer!“
Gleichzeitig betätigte sie ihren Abzug und feuerte den feindlichen Schiffen die Signalgeschosse vor den Bug, wo sie in einer gleißend hellen Explosion verglühten. Von dem grellen Licht geblendet sahen die somarischen Piloten zu spät, wie die Brückenköpfe unter Paavos und Kerels Beschuss pulverisiert wurden und die Brücke herabstürzte.
Das Timing war fast perfekt. Eines der Schiffe raste direkt in das fallende Bauwerk und stürzte mit den Trümmern in den Fluss. Der Pilot des anderen Jägers jedoch, hatte im letzten Moment sein Schiff steil nach oben gerissen und anschließend den Schub gedrosselt, sodass er für einen kurzen Augenblick schwerelos in der Luft gehangen hatte. Dann kippte er wieder nach vorne und stürzte sich auf das angeschlagene Patrouillenschiff.
Amaya hatte sofort reagiert, als ihr klar wurde, dass sie dem Angriff des Somarers nicht entgehen konnten. Die Triebwerke auf volle Leistung flog sie dem Angreifer entgegen, um ihm möglichst wenig Zeit zu geben, ihr Schiff ins Visier zu nehmen und zu feuern. Es hätte funktionieren können. Amaya hatte das Schiff so steil nach oben gezogen, dass der Somarer darunter durchtauchen musste und nur eine einzige kurze Salve abgeben konnte.
Er landete dennoch einen Treffer. Das Projektil schlug in den Bauch des Schiffes ein und zerstörte einen Teil des Stream-Reaktors, kurz nachdem es Kerels Brust durchschlagen hatte.
Dann stürzte der Somarer selbst in den Fluss, in einem wütenden Kugelhagel aus Paavos Bordgeschütz.

„Lass mich jetzt nicht im Stich“, flehte Amaya ihr Schiff an, als ob es sie hören könnte, „nicht so kurz vor dem Ziel.“
Und für einen Moment schien es tatsächlich, als würde Amayas Wunsch gewährt werden, doch dann hauchte auch der Reaktor endgültig sein Leben aus. Noch ein oder zwei Sekunden setzte sich ihr rasanter Steigflug fort, bevor die Nase des Schiffs begann, sich allmählich abzusenken. Dann schossen sie, immer noch viel zu schnell, genau auf das riesige Bauwerk zu, das sich vor ihnen erhob.
Amaya war noch nicht bereit, die Hoffnung aufzugeben. Sie setzte alles auf eine Karte und nutzte das letzte bisschen Energie, die das Schiff noch hatte, um mit Hilfe der Manövrierdüsen ihren Kurs ein klein wenig nach oben zu korrigieren. Es war der letzte Ausweg, der ihnen blieb.
Und so rasten sie direkt auf die Fassade von Ravaans großem Luftschiffhafen, dem Skyport, zu.
Immer näher kamen die monumentalen Statuen, die den Eingangsbereich des Hauptterminals flankierten, während auf den Straßen davor die Menschen in Panik auseinander liefen.
„Haltet euch fest! Versucht euch irgendwo abzustützen!“, rief Amaya den anderen zu.
Lily klammerte sich an Paans Arm und als er zu ihr herüber sah, trafen sich ihre Blicke.
„Halt mich fest“, sagte sie leise, „ich...“

Als das Schiff die hohen Fenster des Eingangsportals durchschlug, barst das Glas in abertausende kleiner Splitter, die als klirrender Regen auf den Boden der Empfangshalle niedergingen. Kurz darauf folgte der Aufprall und das Schiff pflügte sich durch die steinernen Fliesen aus glänzendem Marmor. Erst kurz vor dem zentralen Rund des Hauptterminals kam es zum Stillstand.

Es war dunkel um ihn herum, als er die Augen wieder öffnete und er hatte ein unangenehmes Pfeifen in den Ohren. Etwas Nasses und Warmes lief ihm über die Stirn, aber ansonsten schien alles in Ordnung zu sein.
Er war am Leben. Vorsichtig bewegte Paan seine Arme und Beine. Es tat weh, aber das würde vorbeigehen.
Dann versuchte er den Kopf zu drehen und dabei fiel sein Blick auf Lily, die regungslos in ihrem Sitz hing. Hektisch riss er an seinem Gurt, und versuchte ihn zu lösen, aber er bekam ihn nicht auf. Erst als er tief durchatmete und versuchte sich zu beruhigen, nach der Schnalle tastete, sie fand und den Knopf drückte, gelang es ihm, sich aus seinem Sitz zu befreien.
Er konnte nicht erkennen, ob Lily verletzt war, jedenfalls schien sie nicht bei Bewusstsein zu sein. Er legte seine Hand an ihren Hals und versuchte einen Puls zu spüren. Endlos erschienen ihm die Sekunden, die er brauchte, um sich ausreichend konzentrieren zu können, sodass er neben dem rasenden Pochen in seiner eigenen Brust überhaupt noch etwas anderes wahrnehmen konnte. Und dann spürte er ihn. Es war ein leichter, ruhiger Herzschlag unter seiner Hand. Vor Freude fing er beinahe an zu weinen. Behutsam rüttelte er Lily an der Schulter.
„Lily? Lily, hörst du mich?“
Sie gab ein leises Stöhnen von sich und ihre Augenlider begannen zu flattern.
„...Paan?“
Jetzt öffnete sie die Augen.
„Wo bin ich? Was ist passiert? Au! Mein Kopf tut weh.“
„Wir sind abgestürzt, erinnerst du dich?“
„...Ja ...ja, ich glaube schon.“
„Warte, ich helfe dir aus dem Sitz“, sagte Paan und löste ihre Gurte, „kannst du dich bewegen?“
Langsam stand Lily auf, schwankte einen Moment, doch fand dann ihr Gleichgewicht.
„Ich glaube es geht. Was ist mit den anderen?“
„Ich weiß es nicht, ...“
In diesem Moment hörten sie über sich ein schepperndes Geräusch.
„Hallo? Hört mich jemand?“
Es war Amayas  Stimme.
„Ja, wir sind hier!“, rief Paan zurück, „Lily und ich sind okay, weißt du wo die anderen sind?“
„Tido ist hier bei mir, er hat sich wahrscheinlich ein Bein gebrochen. Paavo wurde bei dem Aufprall rausgeschleudert. Ich fürchte er hat es nicht überlebt. Aber Jonko und Veikko müssten noch irgendwo bei euch da unten sein. Könnt ihr sie sehen?“
Sie suchten ihre Umgebung ab und fanden Veikko in seinem Sitz. Sein gebrechlicher Körper war unnatürlich verdreht. Es gab keine Lebenszeichen.
Doch hinter ihnen war plötzlich lautes Gepolter zu vernehmen und als sie sich umdrehten, flog gerade eine verbogene Stahlplatte zur Seite. Aus dem darunter liegenden Loch zwängte sich gleich darauf ein fluchender Berg von einem Maschinisten.
„Verdammt nochmal, wie soll man denn aus diesem Schrotthaufen wieder rauskommen?“
Als er Paan und Lily sah, lachte er erleichtert auf. Doch dann fiel sein Blick auf Veikko und er wurde wieder ernst.
„Armer alter Veikko. Er wollte doch nur zurück zu seinen geliebten Büchern...“
„Jonko, bist du das?“ fragte Amaya von oben, „ich könnte hier deine Hilfe brauchen. Ich bekomm den Notausstieg nicht auf.“
Paan zog seine Tasche und das große StreamPack samt Pistole unter seinem Sitz hervor und half Jonko dann, sich an losen Kabeln und umherliegenden Teilen der Innenverkleidung vorbei, bis ins Cockpit vorzuarbeiten. Lily folgte ihnen. Das Cockpitdach, das zugleich als Notausstieg diente, war relativ unversehrt geblieben, doch als Paan sah, wie Amayas rechter Arm schlaff und kraftlos an ihrer Seite hing, war ihm klar, warum sie den manuellen Öffnungsmechanismus nicht alleine hatte bedienen können. Auch Tido war in seiner Verfassung keine große Hilfe. Er saß auf dem Boden, mit bleichem Gesicht und Schweißperlen auf der Stirn, nicht in der Lage sich zu bewegen.
Lily kümmerte sich sofort um ihn. Sie war dankbar für die Ablenkung und auch ein bisschen froh darüber, dass sie endlich etwas tun konnte, um zu helfen und den anderen nicht nur ein Klotz am Bein war. Zuerst versuchte sie Tidos Bein ruhig zu stellen, indem sie ihre Jacke mehrmals darum wickelte und anschließend vorsichtig festknotete. Dann sah sie sich Amayas Arm an, der ebenfalls gebrochen zu sein schien. Aus dem Gurt ihrer Umhängetasche fertigte sie eine provisorische Schlinge, in die Amaya ihren Arm legen konnte. Sie hätte gerne mehr für die beiden getan, aber dazu fehlte ihnen im Moment die richtige Ausstattung. Irgendwo in dem Schiff musst es zwar eine Notfallausrüstung geben, doch sie in diesem Wrack auf die Schnelle zu finden, war schier unmöglich. Wo auch immer die Rebellen vorgehabt hatten unterzutauchen, gab es hoffentlich auch medizinische Versorgung.
Unterdessen hatte Jonko sich an dem Mechanismus der Dachluke zu schaffen gemacht und die Sicherung so gut wie entriegelt. Bevor er sie vollends löste, wandte er sich noch einmal an Amaya.
„Ich wär dann soweit.“
„In Ordnung“, erwiderte sie „macht euch auf alles gefasst, wir wissen nicht was uns da draußen erwartet. Paan, hast du deine Waffe noch?“
Paan nickte und zog die Pistole aus seinem Gürtel.
„Gut. Ich geh zuerst, Paan du folgst mir. Jonko, kannst du Tido tragen?“
„Klar, komm Junge, auf meinen Rücken.“
Lily und Paan halfen Tido beim Aufstehen, sodass er die Arme um Jonkos Hals legen konnte. Dieser richtete sich dann langsam auf und stützte dabei mit seinem linken Arme ganz vorsichtig das verletzte Bein des Jungen.
Sie sammelten sich so gut es in dem engen Cockpit ging unter der Dachluke und Jonko löste die Halterung.
Helles Licht strömte ihnen entgegen als der Notausstieg sich öffnete. Sie warteten noch einen Moment und lauschten nach draußen, in die trügerische Stille. Dann kletterten sie nacheinander aus dem Wrack.





Paan war schon oft hier gewesen. Der Skyport übte auf ihn eine magische Anziehungskraft aus. Natürlich hatte er sich nie eine Flugreise leisten können, nicht einmal in den kleineren Kurzstreckenschiffen. Doch das hatte ihn nicht daran gehindert, davon zu träumen, einmal eine Reise quer über den Kontinent zu machen und all die sagenhaften Orte zu besuchen, von denen er sonst nur in Geschichten hörte. Stundenlang hatte er in der Flugabfertigungshalle gestanden und den an- und ablegenden Schiffen zugesehen, den prächtigen Luftyachten reicher Aristokraten und den schnittigen Hochgeschwindigkeitsgleitern erfolgreicher Kaufleute. Manchmal kam auch eines der großen, mit bunten Fahnen geschmückten Kriegsschiffe von der Front nach Hause, wo es in der angrenzenden Werft überholt wurde. Am meisten aber, hatten es Paan die riesigen Passagierschiffe der Interkontinental-Linie angetan. Wenn ein solches Schiff langsam in den Skyport gelotst wurde und an einem der Gates andockte, hatte er sich immer so nah wie möglich an die Landebucht gestellt. Zuerst waren die ankommenden Fluggäste aus dem Bauch der Schiffe geströmt, das Gepäck wurde ausgeladen und die Schiffe einmal gründlich durchgecheckt. Danach gingen die Abreisenden Passagiere an Bord. Und wenn dann alles Gepäck wieder verstaut war, legten die behäbigen Giganten langsam ab und machten sich auf die lange Reise zu fernen Orten in fremden Ländern. Paan hatte ihnen nachgeschaut, bis sie als kleine Punkte am Horizont verschwanden.





Jetzt lagen die Schiffe der Interkontinental-Linie wie gestrandete Wale an ihren Gates. Der Flugbetrieb war seit der Invasion völlig eingestellt worden. Kein Flugpersonal an den Schaltern und keine Passagiere in den Wartebereichen. Auch die Yachten und Gleiter flogen nicht mehr und die einzigen Kriegsschiffe, die jetzt noch in den Landebuchten lagen waren weiß.

Weiß waren auch die Rüstungen der Soldaten, denen Paan sich jetzt gegenüber sah. Und weiß war auch der Kampfroboter, der hinter den Soldaten stand und keine Energie darauf verschwendete seine schwere Kanone auf das klägliche Grüppchen von Widerstandskämpfern vor ihm zu richten. Seine bloße Anwesenheit genügte, um den letzten Rest Kampfeswillen zu brechen, den die verwundeten und erschöpften Rebellen noch aufzubieten hatten.
„Es ist vorbei“, sagte Amaya mit matter Stimme und legte langsam ihre Waffe nieder. Paan und Jonko folgten ihrem Beispiel. Aus den Reihen der Somarer löste sich daraufhin ein Soldat und kam gemessenen Schrittes auf sie zu. Er trug eine Zier an seinem Helm, die ihn als Offizier auswies und Paan wusste, dass ihr aller Leben jetzt in den Händen dieses gesichtslosen Fremden lag.
Sollte dies das Ende sein? Keine Möglichkeit zu entkommen? Das Pfeifen in Paans Ohren wurde zu einem Rauschen. Er fühlte sich so kraftlos wie noch nie zuvor in seinem Leben. Mit aller Macht versuchte er das Gefühl abzuschütteln und zwang sich, für einen Moment zu erwägen, ob sie eine Chance hätten, wenn sie jetzt auf der Stelle kehrt machten und wegrannten. Aber ein Blick über die Schulter raubte ihm auch dieses letzte Fünkchen Hoffnung. Er sah dort fünf bewaffnete Gestalten durch das zerstörte Eingangsportal auf sie zu kommen. Vier von ihnen trugen ebenfalls weiße Rüstungen. Paan ahnte, wer der Fünfte war, auch wenn er sein Gesicht auf die Entfernung nicht erkennen konnte. Miikael würde sich das Finale der Jagd, die er begonnen hatte, nicht entgehen lassen. Es gab schließlich noch immer Lorbeeren zu ernten.

Als Paan den Blick wieder nach vorne wandte, bemerkte er plötzlich eine Bewegung hinter den Reihen der Somarer. Er musste ein paar Mal blinzeln, bevor er seinen Augen traute. Dort erhob sich aus einer der Landebuchten, mit der Erhabenheit eines Greifvogels, ein ravaan‘sches Jagdschiff.
Noch bevor die somarischen Soldaten sich der Lage überhaupt bewusst waren, durchsiebte die erste Salve des Jägers die Rückenpanzerung des Kampfroboters, der daraufhin in einer heftigen Explosion zu Boden ging. Die Druckwelle erfasste die umstehenden Soldaten, riss sie mit und schleuderte sie in hohem Bogen durch die Luft. Trotz der Entfernung konnte auch Paan sich kaum auf den Beinen halten und taumelte drei Schritte rückwärts. Der somarische Offizier, der nun fast bei ihnen war, hatte etwas weniger Glück. Er wurde von der Explosion überrascht, verlor das Gleichgewicht und konnte seinen Sturz nur noch mit den Händen abfangen. Als er sich wieder aufrichtete, blickte er in den Lauf von Amayas Pistole.
„Richte deinem General das hier von mir aus“, sagte sie, senkte die Waffe ein Stück und jagte dem Somarer eine Kugel durchs Bein. Der Offizier ging mit einem unterdrückten Stöhnen in die Knie.

Miikael und seine vier Begleiter waren beim Anblick des plötzlich, wie aus dem Nichts aufgetauchten Schiffes auf der Stelle stehen geblieben. Als der Jäger sie jetzt ebenfalls unter Beschuss nahm, waren sie gezwungen in Deckung gehen, um nicht getroffen zu werden. Doch nur drei von ihnen hatten schnell genug reagiert und es rechtzeitig geschafft. Miikael war einer davon.

Von den somarischen Soldaten, die jetzt vor den Rebellen am Boden lagen, war keiner wieder aufgestanden. Dennoch war Paan vorsichtig und achtete auf seine Schritte, als er zusammen mit den anderen über die regungslosen Körper hinweg stieg und Vidar entgegenlief, der gerade aus dem Cockpit seines Jägers kletterte.
Amaya war die erste, die ihn erreichte und für einen Moment meinte Paan, sah es so aus, als würde sie ihm gleich um den Hals fallen. Doch dann schien sie sich in letzter Sekunde unsicher zu werden, blieb statt dessen vor Vidar stehen, und sagte nur:
„Schön dich zu sehen.“
Vidar sah sie einen Augenblick an.
„Ich weiß“, erwiderte er dann mit einem erschöpften Lächeln.
Sein Blick wanderte zu Paan, Lily, Jonko und Tido, die hinter Amaya her kamen.
„Die anderen?“, fragte er Amaya.
Sie schüttelte den Kopf.

„Wie geht‘s jetzt weiter?“, wollte Paan von Vidar wissen, als sie alle vor dem Jagdschiff standen, „warum sind wir hier im Skyport?“
Vidar warf Amaya einen fragenden Blick zu.
„Sie wissen es noch nicht“, erklärte sie.
„Wissen was noch nicht?“, fragte Lily und schaute von Vidar zu Amaya und wieder zurück.
Es war Vidar, der ihr antwortete.
„Wir sind hier nicht mehr sicher. Wir müssen raus aus der Stadt. Ich habe eine Yacht, die Vanadis, die hier in einer Landebucht liegt. Sie ist schnell genug, um mit ihr durch den Blockadering zu kommen und wenn wir erst mal draußen sind, werden wir versuchen Kontakt mit unseren Streitkräften aufzunehmen.“
„Was?“ Lily war ganz blass geworden und sah Vidar mit ungläubigen Augen an. „Raus aus Ravaan? Das geht nicht, nein! Die anderen Kinder im Heim brauchen uns! Paan, sag bitte, dass wir hier bleiben. Wir haben doch nichts Falsches getan! Wir wollten doch nur...“
„Lily“, Paan fasste sie an den Schultern und sah ihr in die Augen, „Ich will auch nicht weg, aber uns bleibt keine andere Wahl. Miikael hat uns in der Fabrik gesehen und jetzt wird er alles tun, um uns an die Somarer auszuliefern. Wir dürfen nicht riskieren, dass die anderen Kinder da mit reingezogen werden!“
„Die Kinder...“, schluchzte Lily, „sie brauchen mich doch. Und dich auch, Paan.“
„Wir finden schon einen Weg zurück. Aber erstmal müssen wir hier heil raus kommen. Okay?“
Vidar schickte die anderen schon vor zu der Landebucht, in der sein Schiff lag. Dann drehte er sich wieder zu Paan und Lily um.
„Uns bleibt keine Zeit mehr. Hier wimmelt es gleich wieder von Somarern und ich glaube kaum, dass ihr das Empfangskomitee sein wollt.“
„Lily?“, Paan nahm ihre Hand. Schweren Herzens ließ sie sich von ihm mitziehen.

Die Landebucht war nicht weit. Sie eilten an mehreren Anlegestellen vorbei, an denen konfiszierte und stillgelegte Kurzstreckenschiffe lagen und gelangten dann auf einen Landungssteg für die etwas exklusiveren Luftfahrzeuge. Sie hatten Vidars elegante Yacht mit den imposanten Triebwerken fast erreicht, als Paan spürte, dass Lily wieder stehenblieb.
„Paan...“
Er drehte sich zu ihr um. Ihr Blick hing an dem Schiff und als sie ihn wieder auf Paan richtete, sah er die Verzweiflung in ihren Augen. Er blickte sich nach Vidar um, der gerade über eine Rampe an Bord ging. Dann wandte er sich wieder Lily zu.
Es war schon fast zu spät, als er nur ein paar Meter hinter Lilys Rücken, die beiden weißen Soldaten bemerkte. Sie waren so nah!
„Lily, runter!“, schrie Paan, riss die Pistole aus seinem Gürtel und fing an zu feuern. Er schoss abwechselnd auf die beiden Angreifer, ohne einen von ihnen wirklich zu treffen, aber zumindest gab er ihnen keine Gelegenheit das Feuer zu erwidern. In seiner Panik spürte er zuerst gar nicht, wie die Pistole in seiner Hand immer heißer wurde. Dann erwischte er den ersten Somarer, traf ihn in die Brust, kurz nachdem eine Kugel dicht an seinem linken Ohr vorbeigeschossen war. Erst jetzt bemerkte Paan das kleine, grell leuchtende Warnlämpchen. Und dann spürte er auch die Hitze und wusste augenblicklich, dass die Waffe das Dauerfeuer nicht mehr lange durchhalten würde. Er hörte nur einen Augenblick lang auf zu schießen, und schon schlug eine Kugel des Somarers direkt neben Lily in den Boden ein. Sie zuckte zusammen und versuchte sich noch kleiner zu machen. Laut schreiend eröffnete Paan wieder das Feuer auf den Soldaten, der sich gerade noch hinter einen steinernen Sockel der Landebuchtbrüstung retten konnte. Paan feuerte weiter, er musste Lily beschützen, um jeden Preis. Er ignorierte den brennenden Schmerz in seiner Hand. Er hatte vielleicht noch vier Schüsse übrig, bis die Pistole explodierte. Der Soldat begann aus seiner Deckung heraus wieder zu feuern.
Noch drei Schüsse. Paan hatte keine Chance den Somarer zu treffen.
Noch zwei Schüsse. Eine weitere Kugel des Besatzers verfehlte Paan nur um Haaresbreite.
Noch einen Schuss. Keine Chance.

Dann flog der steinerne Sockel mitsamt dem dahinter kauernden Soldaten in die Luft. Paan schaute verdutzt zu Vidars Schiff, wo der rettende Schuss hergekommen war. Jonko hatte einen Geschützturm der Vanadis besetzt und dem Somarer mit einem gezielten Schuss den Garaus gemacht.
Paan drehte sich wieder zu Lily, nahm die überhitzte Pistole in die andere Hand und half ihr aufzustehen.
Als er wieder aufsah, stand Miikael nur fünf Meter vor ihnen. Er hatte eine Waffe und zielte damit auf Paan. Der war vor Ohnmacht wie gelähmt.

Endlich bekam Miikael seine Rache. Endlich hatte Paan ihm eine Schwäche gezeigt, die er gnadenlos ausnutzen konnte, um seine Vergeltung vollkommen zu machen. Er genoss den Augenblick, als er seine Waffe ganz langsam auf Lily richtete.

In diesem Moment zuckte ein heißer Blitz durch Paans Körper und befreite ihn aus seiner Lähmung. Bevor Miikael abdrücken konnte sprang Paan in die Schusslinie.
Riss seine Pistole hoch und richtete sie auf Miikael..
Wandte den Blick ab.
Und Feuerte.
Nur einen Sekundenbruchteil nachdem die Kugel den Lauf verlassen und Miikaels Schulter durchdrungen hatte, explodierte Paans Waffe in seiner Hand.

Was dann geschah entzog sich Paans Bewusstsein. Sein ganzer Körper schien erfüllt von einem dumpfen Pochen. Er sah, wie Lily sich über ihn beugte, sah wie ihr Mund sich bewegte, aber er hörte sie nicht.
Er sah das Blut, sah den Stumpf, wo gerade noch seine Hand gewesen war, aber er fühlte nichts.
Dann wurde es schwarz um ihn herum.

Als Paan wieder zu sich kam, lag er auf einem schmalen Bett, in weißes Licht getaucht und umgeben von medizinischen Apparaturen. Lily war bei ihm und hielt seine Hand. Sein linker Unterarm steckte in einem dicken Verband, der an seiner rechten Schulter befestigt war, sodass die pulsierende Wunde immer über Herzhöhe war. Erst jetzt fühlte er den Schmerz, der seinen ganzen Arm durchzog, wie ein heißes Eisen.
Und er fühlte auch das Ruckeln, das wilde Auf und Ab einer Verfolgungsjagd in einem Luftschiff.
„Lily, was ist los? Wo sind wir?“, er versuchte sich aufzurichten.
„Sei vorsichtig, sonst geht deine Wunde wieder auf. Wir sind auf der Vanadis. Ravaan haben wir vor einer halben Stunde verlassen. Jetzt fliegen wir durch die Schlucht und versuchen die Jäger abzuhängen, die uns verfolgen.“
„Schon wieder?“, fragte Paan und setzte die Füße auf den Boden. Dann sah er auf den Verband herab und betastete vorsichtig die Stelle, wo der unangenehm pochende Schmerz kam.
„Es tut mir so leid...“, schluchzte Lily. Eine Träne rann ihr über das Gesicht, und es war nicht die erste, so wie es aussah.
„Ist schon in Ordnung“, tröstete Paan sie. Dann fügte er hinzu: „Ich wusste genau was ich da tue.“
Aus irgendeinem Grund hatte das nicht den gewünschten Erfolg, und Lily schluchzte nur umso mehr.

Ihre Chancen standen gut. Von den ursprünglich zwölf Jägern, die die Verfolgung aufgenommen hatten, waren nur noch fünf übrig. Die anderen sieben waren dem Geschützfeuer der Vanadis zum Opfer gefallen, oder an den Felswänden der immer enger werdenden, sich windenden Schlucht zerschellt.
Als Paan mit Lily die Brücke betrat und sich erschöpft in den freien Stuhl hinter Vidar fallen ließ, verwandelte sich gerade der achte Somarer unter dem Beschuss der hinteren Bordgeschütze in einen grellen Feuerball.
„Du bist ja schon wieder auf den Beinen, Junge“, bemerkte Vidar beiläufig, während er die Vanadis eng um die nächste Kurve steuerte.
„Ich nutze jede Gelegenheit, so lange ich noch zwei davon hab“, antwortete Paan und wunderte sich selbst ein wenig über diesen Anflug von Galgenhumor.
Nach der nächsten Kurve bremste Vidar das Schiff abrupt ab und ließ es dabei leicht nach unten sacken. Gleich darauf schoss ein Jäger, der ihnen kurz zuvor gefährlich nah gekommen war, knapp über sie hinweg. Vidar beschleunigte wieder, nahm den unvorsichtigen Somarer ins Visier und feuerte die große Bordkanone ab.
„Und wieder einer weniger. Ich frag mich warum die uns so hartnäckig verfolgen? So langsam müssten sie doch einsehen, dass sie in der Schlucht keine Chance haben uns zu erwischen.“
„Lily, wie geht‘s Tido?“, erkundigte sich Amaya, die auf dem Copilotensitz neben Vidar die Sensoranzeigen im Auge behielt, um ihn rechtzeitig vor plötzlich auftauchenden Hindernissen in der Schlucht warnen zu können.
„Ich konnte sein Bein schienen, aber er hat immer noch Schmerzen. Jedenfalls war er leichter davon zu überzeugen, dass es besser ist liegenzubleiben, als Paan. Was macht dein Arm, Amaya? Bist du sicher, dass ich nicht mal nachschauen sollte?...“
„Es geht schon. Viel wichtiger ist, dass wir zuerst diese aufdringlichen Jäger loswerden. Danach lasse ich mich aber gerne...“
Ein lauter Knall unterbrach sie mitten im Satz und das Schiff wurde unsanft durchgeschüttelt.
„Vidar! Was zur Hölle...“, rief Amaya, als sie sich wieder gefangen hatten.
„Ich war das nicht“, verteidigte sich Vidar, „Wir wurden getroffen. Das war aber keiner unserer Verfolger, der Schuss kam nicht von hinten.“
Amaya aktivierte ihr Funkgerät.
„Jonko, siehst du da hinten etwas? Was ist da los?“
„Diese Bastarde!“, polterte die Stimme des Maschinisten aus dem Lautsprecher, „Da sind gerade zehn, nein... zwölf weitere Jäger im Sturzflug in die Schlucht geflogen!“
„Was?!“, rief Amaya, „Wie kann das sein, wo kommen die plötzlich her?“
Wieder wurde die Vanadis getroffen und diesmal schrammten sie durch die Wucht des Einschlags beinahe an der Felswand entlang.
„Das ist gar nicht gut“, bemerkte Vidar.
Paan und Lily hatten schon nach dem ersten Treffer ihre Sicherheitsgurte festgezogen, sie hatten inzwischen Erfahrung mit solchen Situationen. Trotzdem klammerten sie sich beinahe krampfhaft an ihren Armlehnen fest.

Als der Annäherungsalarm der Vanadis losging, war es fast zu spät, den Raketen auszuweichen, die von den herabstoßenden Jägern abgefeuert worden waren. Vidar ließ die Vanadis jäh nach unten abfallen um den Geschossen zu entgehen, doch genau damit hatten ihre Verfolger gerechnet. Die Raketen waren nämlich von vornherein nicht für das fliehende Schiff bestimmt gewesen. Und so schossen sie jetzt über die Vanadis hinweg und krachten kurz darauf zu beiden Seiten in die Felswand. Die Explosionen rissen gewaltige Felsbrocken aus dem Stein, schleuderten sie an die gegenüberliegende Wand, wo sie zerbarsten und in einem tödlichen Hagel aus Geröll in die Schlucht niedergingen.
Mit rasender Geschwindigkeit flog die Vanadis auf diese scheinbar undurchdringliche Wand aus Staub und Stein zu. Es gab keine Möglichkeit mehr zur Seite auszuweichen und so blieb Vidar nur noch ein Ausweg. Mit voller Schubkraft ließ er das Schiff steil nach oben, über die Felslawine und über den Rand der Schlucht hinaus, ins Freie jagen. Dorthin wo die Somarer freie Schussbahn hatten.

Doch die Jäger waren nun bei weitem nicht mehr ihr größtes Problem.

Das Schiff, das jetzt vor ihnen schwerelos in der Luft hing, war so gigantisch, dass es die Gesetze der Gravitation außer Kraft zu setzen schien.
Paan hatte von ihnen gehört, hatte sie aus der Ferne schon einmal gesehen, wie sie langsam die Stadt umkreist hatten. Doch aus der Nähe war der Anblick schlicht markerschütternd.
Wie ein gewaltiger Wolkenkratzer schwebte das weiße Schlachtschiff auf sie zu.

Sie waren in diesem Augenblick vor Schreck so gebannt, dass sie das Jagdschiffgeschwader garnicht bemerkten, das auf sie zuraste. Erst als die schwerbewaffneten Schiffe über sie kamen und aus allen Rohren das Feuer eröffneten, erwachten sie aus ihrer Schreckensstarre.
Es waren vierzig oder fünfzig Jäger. Und sie hatten leichtes Spiel. In weniger als einer Minute war nichts mehr übrig von den somarischen Schiffen, die die Vanadis verfolgt hatten.
Dann kam der Funkspruch des Kommandanten der ravaan‘schen Jägerstaffel:
„Achtung, Unbekanntes Schiff. Sie sollten besser ausweichen, wenn sie nicht unter einem großen Haufen somarischen Altmetalls begraben werden wollen.“
Sofort lenkte Vidar die Vanadis auf einen weiten Bogen um das weiße Schlachtschiff, und erst jetzt bemerkten sie, dass es eine immense Rauchwolke hinter sich her zog.
„Ich hoffe ihr genießt die Aussicht“, fügte der Staffelkommandant hinzu, „es hat uns einen ganzen Tag und ein Drittel unserer Flotte gekostet, das Ding so zuzurichten.“
„Flotte“, fragte Amaya, „welche Fl...“
Dann sahen sie wovon der Pilot gesprochen hatte.
Eines nach dem anderen tauchten die Kriegsschiffe aus der Rauchwolke auf. Sie drehten langsam bei, bis sie eine einzige Schlachtlinie bildeten, die gepanzerten Flanken dem Feind zugewandt. Ihre Geschützpforten öffneten sich und die schweren Streamkanonen wurden ausgefahren.
Und dann feuerten sie eine letzte gemeinsame Breitseite auf das somarische Schlachtschiff. Hunderte, wenn nicht tausende von Geschossen fanden gleichzeitig ihr Ziel und versetzten so dem kolossalen Gegner den Gnadenstoß. Das große somarische Schlachtschiff neigte sich nach vorne und sackte ruckartig ab, als seine Maschinen erstarben. Beim Aufprall jagte es eine Schockwelle durch das weiche Erdreich und pflügte sich noch einige hundert Meter durch die Sedimente bevor es endgültig zum Liegen kam.
Vidar war der erste, der die Fassung wieder fand. Er nahm sein Funkgerät und öffnete einen Kanal zur Flotte.
„Hier spricht der Kapitän der Vanadis. Wir kommen aus dem besetzten Ravaan und haben Verwundete an Bord. Bitten um Landeerlaubnis für medizinische Versorgung,“ sagte er in einem so sachlichen, gefassten Tonfall, dass es angesichts der Situation fast schon absurd schien. Die Antwort kam umgehend.
„Hier spricht Flottenadmiral Mandeen von der SRR Althea. Sie haben Landeerlaubnis auf dem Lazarettschiff Cyrus, wir senden ihnen die Koordinaten“, und nach einer kurzen Pause fügte er hinzu, „Willkommen in der Zweiten Flotte der Luftstreitkräfte, Vanadis. Ich hoffe, es ist nicht zu voreilig, wenn ich sie und ihre Mannschaft einlade, heute abend mit uns in der Offiziersmesse zu speisen. Ich denke wir haben uns viel zu erzählen.“
„Die Einladung nehmen wir gerne an“, entgegnete Vidar, „vielen Dank. Und ich denke ich spreche im Namen aller, wenn ihnen meinen ganz besonderen Dank für das hinreißende Feuerwerk ausspreche.“
Bis jetzt hatten die Anderen in beinahe andächtiger Stille zugehört, konnten noch nicht ganz begreifen, was sich hier gerade abgespielt hatte. Doch als Vidar sein Funkgerät beiseite gelegt hatte und sich mit einem breiten Grinsen zu ihnen umdrehte, machten sie ihrer Freude und ihrer Erleichterung Luft und jubelten und lachten. Um ein Haar hätten sie Jonkos Stimme überhört, die laut aus dem Funkgerät fluchte, „Verdammt nochmal, was ist denn los da vorne? Ich bekomm hier hinten gar nichts mit! Wie zum Teufel ist dieses riesige weiße Ding vom Himmel gefallen?“
„Komm nach vorne und sieh selbst, mein Lieber“, brüllte Vidar zurück, „und bring Tido mit!“
Lily war von ihrem Sitz aufgesprungen, noch bevor sich Paan von seinen Gurten befreien konnte, und ihm lachend um den Hals gefallen.
„Wir sind gerettet, Paan!“
„Autsch, nicht so fest, ...“
„Oh entschuldige“, sagte Lily und löste sich von ihm. Sie wischte sich eine Freudenträne von der Wange und die beiden sahen sich für einen Moment in die Augen.
„Ja Lily, wir sind gerettet“, wiederholte Paan mit einem glücklichen Lächeln, „fürs Erste zumindest.“
Patsch.

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