SOMAR //Kapitel 2







Kapitel 2

Kämpfen um zu leben, Leben um zu kämpfen.




Schon am darauf folgenden Tag war auch die Unterstadt fest in Händen der Besatzer. Anders als am Abend der Invasion hatte es diesmal vereinzelt Gegenwehr gegeben. Doch die wenigen, unkoordinierten Revolten, die hier und dort aufgekeimt waren, wurden von den Invasoren rasch niedergeschlagen. Danach hatten zahlreiche, durch die Stadt patrouillierende Trupps, jeglichen verbliebenen Widerstandswillen der Bevölkerung gebrochen.
Alles in allem zeugte das Vorgehen der Besatzer von schier unüberwindbarer Stärke. Wie die Zahnräder eines Uhrwerks arbeiteten sie in perfekter Einheit zusammen, schienen einem allumfassenden Plan zu folgen, mit dem sie das Leben in Ravaan fortan fest im Griff hatten. Und so verfielen die Bewohner der Stadt nach und nach in einen Zustand fügsamer Ohnmacht.

Die Perfektion und Überlegenheit, mit der die Eroberer vorgingen, waren es schließlich auch, die ihre Identität preisgaben. Anfangs war es nur ein Gerücht gewesen, doch bald verbreitete sich die Erkenntnis wie ein Lauffeuer: Somar war in den Krieg eingetreten. Und nicht nur das, die Somarer hatten die Konvention gebrochen, die sie selbst vor 30 Jahren ins Leben gerufen hatten. Niemand konnte sich so recht erklären, warum sie das getan hatten, schließlich mussten sie jetzt über kurz oder lang mit Vergeltungsschlägen der anderen Stadtstaaten rechnen, die zu den Unterzeichnern der Konvention gehörten.
Doch das tröstete die Menschen von Ravaan nur wenig. Nach elf Jahren Freiheit befanden sie sich nun wieder unter fremder Herrschaft.
Wie sich am dritten Tag nach dem Angriff herausstellen sollte, nahmen die neuen Herrscher ihre Aufgabe mehr als ernst. An diesem Tag wandte sich der somarische Oberbefehlshaber mit einer Botschaft an die Bevölkerung, um die neuen Machtverhältnisse in Ravaan zu konstatieren. Auf großen Bildschirmen wurde die Rede in der ganzen Stadt übertragen.
Paan und Lily hatten sich an diesem Morgen das erste Mal seit Beginn der Besatzung wieder aus dem Haus gewagt, da die Lebensmittelvorräte im Lagerraum des Waisenhauses allmählich zur Neige gingen und der allwöchentliche Einkauf fällig war. Zu ihrer großen Erleichterung war ihre nicht wenig spektakuläre Flucht bis jetzt ohne Folgen geblieben. Trotzdem zogen sie jedes mal die Köpfe ein, wenn ihnen eine der somarischen Patrouillen begegnete.
Ihr Weg führte die beiden zu einer der riesigen Markthallen Ravaans, einige Straßen südlich des Waisenhauses. In den Gängen zwischen den hohen Verkaufständen, die sich hier scheinbar endlos aneinander reihten, drängten sich die Menschen und versuchten die frischesten und günstigsten Waren zu bekommen. Über ihren Köpfen schwebten kleinere Transportschiffe, die neue Waren auf den oberen Ebenen der Marktstände abluden, oder Lieferaufträge für die Händler erledigten. In der großen Halle war es immer ein paar Grad kälter als draußen, was daran lag, dass sie tief in die Felswand der Schlucht hinein gebaut worden war.
Paan und Lily hatten gerade die Eingangstore passiert, als die Werbebildschirme über den Verkaufsbuden der Händler plötzlich schwarz wurden. Kurz darauf sprangen sie wieder an, zeigten diesmal aber alle dasselbe Bild. Der somarische Oberbefehlshaber präsentierte sich in seiner weißen Rüstung, flankiert von zwei Leibwächtern. Die Gespräche der Marktbesucher verstummten, einige begannen ängstlich miteinander zu flüstern. Auch Paan und Lily hielten inne und sahen mit einem unguten Gefühl zu den flimmernden Bildschirmen auf. Nach einigen Sekunden brach der Somarer das angespannte Schweigen und begann mit seiner Rede. Seine Stimme war rau und klang leicht verzerrt unter seinem Helm.
Er verkündete, dass am folgenden Tag ein Handelsedikt in Kraft treten würde, nach dem sämtlicher Handel in der Stadt direkter somarischer Kontrolle unterlag. Die Händler sollten ihre Geschäfte zwar weiterhin selbst betreiben, hatten jedoch Abgaben an die neue Regierung zu leisten, die nunmehr bestimmte, welche Waren, wann und an wen verkauft wurden. Wer aktiv mit den somarischen Handelsinspektoren kooperierte, konnte günstigere Bedingungen und etwaige Sonderrechte erwarten.
Einige der Händler in der Markthalle fingen an laut zu protestieren, verstummten aber gleich wieder, als sie die somarischen Soldaten bemerkten, die eben die Halle betreten hatten.
Doch das war erst der Anfang der Botschaft. Um die Versorgung, sowohl der Besatzungstruppen, als auch der Bevölkerung gewährleisten zu können, sollten fortan Lebensmittel und andere wichtige Alltagsgüter nur noch in festgelegten Rationen ausgegeben werden. Die Ausgabe würde ausschließlich gegen Vorlage von Rationsmarken geschehen, die in Kürze in den Verwaltungsämtern der einzelnen Stadtbezirke an die Bewohner verteilt werden sollten.
Und es gab noch weitere Einschränkungen: ein Verbot für öffentliche Versammlungen und Veranstaltungen; ein Verbot für das Tragen von Waffen und gefährlichen Gegenständen, ein weitgehendes Flugverbot für alle Schiffe, die nicht zum Transport von Material und Lebensmitteln von den Somarern autorisiert waren, eine nächtliche Ausgangssperre. Die Liste der Verbote setzte sich noch eine ganze Weile fort.
Was Paan aber am Härtesten traf, war die Tatsache, dass zur Durchführung all dieser Maßnahmen, und um den Verwaltungs- und Kontrollaufwand möglichst gering zu halten, die Stadt in Distrikte aufgeteilt wurde. In der Oberstadt und der Unterstadt würde es dann je einen Nord-, einen Ost- und einen Westdistrikt geben, zwischen denen Grenzen eingerichtet wurden, die ohne vorherige Genehmigung nicht passiert werden durften. Dabei sollte es sich dem Oberbefehlshaber zufolge zwar um keine dauerhafte Lösung handeln, wie lange dieser Zustand jedoch bestehen würde, war noch ungewiss. Das war also vorerst das Ende für Paans unbeschwerte Streifzüge durch die Stadt.
Als die Ansprache zu Ende war, hatten die weißen Soldaten bereits Stellung bei den Marktständen bezogen und die vorläufige Einstellung jeglichen weiteren Handels veranlasst, während somarische Beamte die Daten der Händler aufnahmen und die Übernahme der Geschäfte regelten. Paan und Lily wurden mit den anderen Leuten, die hierher gekommen waren um ihre Einkäufe zu tätigen, hinaus geschickt, mit der Anweisung, sich möglichst umgehend in den Verwaltungsämtern ihrer jeweiligen Viertel einzufinden. Dort würden sie dann ihre Rationsmarken zugeteilt bekommen.

Nachdem sie zwei Stunden in der Schlange vor dem Amt gewartet hatten, bis sie endlich an der Reihe waren, mussten Paan und Lily feststellen, dass sie sich die ganze Mühe umsonst gemacht hatten. Der zuständige Beamte schickte sie wieder weg, denn angeblich wurden Waisenhäuser und andere öffentliche Einrichtungen, direkt per Frachtschiff mit den Rationen und Alltagsgütern beliefert, die sie benötigten.
Und tatsächlich, als Paan und Lily gegen Mittag wieder nach Hause kamen, war die angekündigte Lieferung bereits erfolgt. Als sie dann im Vorratsraum des Waisenhauses vor den Regalen standen, realisierten sie zum ersten Mal, was die Rationierung wirklich für sie und die anderen Waisen bedeutete. Die Rationen füllten die sonst bis obenhin mit Lebensmitteln gefüllten Regale gerade mal zur Hälfte. Warum die Rationen so übertrieben knapp ausfielen, war ihnen zunächst ein Rätsel. Die somarischen Besatzungstruppen waren bei weitem nicht so zahlreich wie die Bevölkerung Ravaans, sie konnten also unmöglich die gleiche Menge an Waren und Verpflegung benötigen.
Zwei Tage später kam die Antwort auf dieses Rätsel. An jeder Ecke der Stadt wurde man inzwischen an die Präsenz der Eroberer erinnert. Überall hingen große Banner mit dem somarischen Hoheitszeichen und auf den großen Werbebildschirmen in den Einkaufsstraßen war nun regelmäßig die Propaganda der neuen Machthaber zu sehen. Darin wurden die Bürger dazu aufgefordert, sich nicht nur dem neuen System zu fügen, sondern sich aktiv an der Entstehung eines neuen Ravaans unter somarischer Herrschaft zu beteiligen. Auch die somarischen Streitkräfte hatten begonnen, Soldaten für ihre eigenen Reihen aus der Bevölkerung Ravaans zu rekrutieren, die dabei helfen sollten, ihre Heimatstadt im Dienste Somars zu kontrollieren. Wer den somarischen Interessen diente, sich den Besatzern anschloss und eine Funktion im neuen Regierungsapparat oder der Armee übernahm, der sollte nicht nur finanziell angemessen entlohnt werden (das alleine war schon ein wirkungsvolles Lockmittel, da die alte Währung Ravaans für ungültig erklärt worden war, und ein Umtausch in die somarische Währung nur mit großem Wertverlust möglich war). Auch eine bessere Verpflegung, Zugang zu Luxusgütern, Handelsprivilegien und nicht zuletzt gesellschaftlicher Aufstieg gehörten zu den Versprechungen in den Propagandaspots.

Für viele Bürger waren das verlockende Angebote, und so war es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis die ersten Ravaaner darauf eingingen. Vor allem die Wohlhabenderen, die früher in Luxus und Wohlstand gelebt hatten, und sich mit der Rationierung und den drastischen Einschränkungen nicht abfinden wollten, wechselten vermehrt die Seiten um in gehobenen Ämtern der neuen Regierung zu dienen. Doch auch für viele Unterstädter wurden die Versprechen der Somarer mit jedem entbehrungsreichen Tag, den sie bei halber Ration leben mussten, verlockender. Immer mehr schlossen sich den Besatzern in den folgenden Tagen an, da sie sich von einer Kollaboration mit den neuen Machthabern ein dauerhaft besseres Leben erhofften.
Und so begann die Bevölkerung sich langsam aber sicher zu spalten. Bald unterschied man zwischen der langsam wachsenden Gruppe von Kollaborateuren, und der ebenso langsam schrumpfenden Zahl derer, die die Hoffnung auf ein Leben in Freiheit noch nicht ganz aufgegeben hatten. Woraus sich diese Hoffnung nährte, ob sie angesichts der ihr entgegenstehenden Übermacht wirklich bestehen konnte, oder doch nur reines Wunschdenken war, konnte niemand so genau sagen. Denn inzwischen war den meisten klar geworden, dass sie so schnell nicht auf Hilfe von außen hoffen konnten. Ihre eigenen, zur Zeit an mehreren Fronten stationierten Streitkräfte, würden es nicht wagen die Somarer anzugreifen, solange diese die Stadt mitsamt der Bevölkerung in ihrer Gewalt hatten. Selbst wenn sie von Truppen anderer Stadtstaaten unterstützt würden, war ein Angriff nur denkbar, wenn zur gleichen Zeit in Ravaan selbst eine Revolte aller Bürger gegen die Somarer stattfand. Ein derartiger gemeinsamer Schlag gegen die Besatzer musste perfekt geplant und koordiniert werden. Doch die Somarer hatten seit der Invasion jegliche Kommunikation mit der Außenwelt unterbunden und so gab es keine Möglichkeit mit irgendjemandem außerhalb der Stadt Kontakt aufzunehmen.





Und so kam es, dass in den Tagen und Wochen darauf, das Leben in Ravaan seinen Lauf nahm und ganz allmählich zu einer Art Normalität zurückfand. Die Menschen arrangierten sich, wenn auch widerwillig, mit den neuen Lebensbedingungen, und jeder versuchte auf seine Art mit den mehr oder weniger schwierigen Umständen zurecht zu kommen. Und in den Hinterköpfen der Leute nistete sich der Gedanke ein, dass es doch jederzeit die Möglichkeit gab, sich den Somarern anzuschließen, um das Leben erträglicher zu machen.
Doch davon wollten Paan und Lily nichts wissen. Sie taten alles in ihrer Macht stehende, um das Beste aus den mageren Rationen zu machen und die kleine, heile Welt ihres Heims für sich und die anderen Waisen aufrecht zu erhalten. Während Lily begonnen hatte auf der Dachterrasse einen kleinen Gemüsegarten anzulegen, um ihren Lebensmittelvorrat zu ergänzen, hatte Paan eine etwas andere Methode gefunden, sich nützlich zu machen.
Mit den drastischen Einschränkungen des freien Handels, hatten die Somarer nämlich auch den Verkauf der StreamPacks reguliert. Die Anzahl der Energiespeicher, die jeder Bürger erwerben durfte war genau festgeschrieben. Und wie bei fast allen lebensnotwendigen Gütern, waren auch hier die Zugeständnisse der Besatzer alles andere als ausreichend, sofern man sich nicht zu den Kollaborateuren zählen wollte. Ein weiteres Druckmittel um die Bevölkerung Ravaans gefügig zu machen.
Und so kam es, dass Paans aufgerüstete StreamPacks sich plötzlich einer zuvor ungekannten Beliebtheit erfreuten. In kürzester Zeit, hatte er seinen gesamten Vorrat in lukrativen Tauschgeschäften an den Mann gebracht. Manch einer brachte auch seine alten und kaputten StreamPacks zu Paan, der diese dann reparierte, und im Nu wieder zum laufen brachte. In dem Waisenhaus war in kürzester Zeit ein regelrechter kleiner Schwarzmarkt entstanden. Und der Handel florierte.
So dauerte es nicht lange, bis Paan zuerst die StreamPacks, und schließlich auch die Ersatzteile ausgingen. Doch in seinem Kopf hatte inzwischen längst ein Plan Form angenommen, wie er an neues Material gelangen konnte. Das Ganze war natürlich nicht ungefährlich. In letzter Zeit hatte er viele freie Stunden damit verbracht die gut gesicherten Grenzposten zwischen den Distrikten zu beobachten, insbesondere diejenigen, die er passieren müsste, um in die Oberstadt zu gelangen. Dabei hatte er festgestellt, dass die Grenzen an sich, ohne die benötigte Erlaubnis nicht zu überwinden waren, zu streng waren hier die Kontrollen. Doch im Gegensatz zu den alten Soldaten der Steigwache, kannten die somarischen Wachposten die vielen Schlupflöcher nicht, die es neben den großen Hauptstraßen und -treppen gab. Zu diesen Schlupflöchern zählte unter anderem ein Warenhaus, das in der oberen Unterstadtstraße lag. Es gehörte einem alten Kaufmann, der sich von seinen Ersparnissen ein Haus in der Oberstadt gebaut hatte, genauer gesagt ein Penthouse, direkt über seinem Geschäft. In den vergangenen Tagen hatte Paan sich des Öfteren mit dem Kaufmann unterhalten, der ihm einige seiner umgebauten StreamPacks abgekauft hatte, und mit ihm eine Vereinbarung getroffen. Paan würde ihm jede Woche einige seiner umgebauten Packs überlassen und im Gegenzug erhielt er freien Zugang zum Lager im hinteren Bereich des Warenhauses. Da das Lager so gut wie leer war, und der alte Geschäftsmann schon ahnte, was Paan vor hatte, stimmte er dem Handel mit einem verschwörerischen Augenzwinkern zu. Paan war an dem Lager selbst in keiner Weise interessiert. Viel interessanter war das Treppenhaus, das vom Lager in das darüber gelegene Penthouse führte, durch dessen Hintertür man wiederum in einen kleinen Hof kam. Wenn man diesen über eine schmale Treppe verließ, stand man in einer kleinen, aber schmucken Allee in der Oberstadt.

Das war der erste Teil von Paans Plan zur Materialbeschaffung. Das Problem, in die Oberstadt zu kommen war somit gelöst. Jetzt galt es einen Weg zu finden sich dort längere Zeit unauffällig aufzuhalten ohne erwischt zu werden.
Der zweite Teil des Plans bestand nun in der Behebung dieses Problems durch ein Tauschgeschäft mit der Schwester der dicken Köchin. Ihr Name war Antonia. Antonia hatte in jungen Jahren einen ehrgeizigen Soldaten der Ravaan‘schen Luftstreitkräfte geheiratet, der sich nach und nach bis zum Korvettenkapitän hochgearbeitet hatte, bevor er in der Freiheitsschlacht vor elf Jahren gefallen war. Die beiden hatten einen Sohn, der schon früh in die Fußstapfen seines Vaters getreten war und ebenfalls Karriere beim Militär gemacht hatte. An Geld hatte es der Familie somit nie wirklich gefehlt. Antonia, mit ihrer durch und durch extrovertierten Art, zeigte das auch gerne nach außen, daher hatte sie sich und ihrem Sohn seit jeher den Luxus gegönnt, sich nach der neuesten Oberstadtmode zu kleiden. Ihr Sprössling war zwar längst ein ambitionierter junger Offizier, doch seine umfangreiche Garderobe aus Kindertagen hatte seine Mutter aufgehoben. Hauptsächlich aus Sentimentalen Gründen, wie sie sagte. Jetzt, während der somarischen Besatzung jedoch, hatten die alten Sachen auch wieder einen ganz praktischen Nutzen bekommen: als Tauschware. Und so gelangte Paan in den Besitz einer feinen Oberstadt-Garderobe, die zwar nicht mehr ganz der allerletzte Schrei war, aber gut genug um unter den feinen Leuten nicht weiter aufzufallen. Zu groß waren die Sachen auch ein wenig, aber das störte Paan nicht weiter, ganz im Gegenteil. So hatte er noch etwas Platz unter seiner Jacke, um die Beute verstecken zu können.
Und Beute zu machen, war das Ziel seines Plans. In der Oberstadt gab es immer noch genügend reiche Kaufleute, Aristokraten und vor allem Kollaborateure, die teure StreamPacks als Prestigeobjekte, als modische Accessoires mit sich herumtrugen. Da fiel es kaum ins Gewicht, wenn an ihren Gürteln plötzlich eines von fünf Packs fehlte. Einige trugen zudem eine Vielzahl von Taschen mit sich herum, in denen sie Geld, Rationsmarken und andere Gegenstände von mehr oder weniger großem Wert aufbewahrten. Für alles eine extra Tasche, das war seit einiger Zeit Mode unter den jungen Reichen. Und für Paan ein gefundenes Fressen. Zum einen verlor der Besitzer selbst schnell den Überblick in diesem Taschenchaos - eine Tasche weniger fiel da nicht weiter auf. Zum anderen machte sich Paan nicht verdächtig, wenn er mit all den erbeuteten Taschen durch die Straßen lief.





Es waren 52 Tage vergangen, seit dem Abend der Invasion, als Paan bei einer seiner Beutetouren zum ersten Mal einen Fehler beging. Gleichzeitig war es auch der Letzte.
Die vergangenen sechs Tage waren ausgesprochen erfolgreich gewesen. Die Ausbeute an Rationsmarken, Geld und Schmuck war besser gewesen, als Paan zu hoffen gewagt hatte, vor allem aber hatte er wieder genug Material beisammen, um seinen kleinen Schwarzhandel im Waisenhaus weiter betreiben zu können.
Deshalb hatte er vor, an diesem Tag nur eine kleine Runde drehen und danach vielleicht für ein paar Tage zu Hause bleiben, um an den noch ausstehenden Aufträgen zu arbeiten. Außerdem wollte er seine Eigenkreationen weiter verbessern. Paan glaubte nämlich, einen Weg gefunden zu haben, die Ladezeiten der Packs zu verkürzen und er war schon ganz scharf darauf seine Idee auszuprobieren.
Halb in Gedanken versunken streunte er also durch die Straßen der Oberstadt, als ihm ein junger Mann auffiel, dem Aussehen nach höchstwahrscheinlich Aristokrat, etwa Ende zwanzig, mit dunklem Haar. Und viel wichtiger noch, mit vielen Taschen. Leichte Beute. Bei genauerem Hinsehen erinnerte der Mann Paan an irgendjemanden, doch er konnte ihn nicht so recht zuordnen. Er folgte seinem vermeintlichen Opfer noch eine Weile unauffällig entlang des Straßenrandes, und näherte sich dabei Stück für Stück an. Als sie auf eine belebte Kreuzung zusteuerten, sah Paan den Moment gekommen um zuzuschlagen. Er beschleunigte seinen Schritt, um den jungen Mann zu überholen, überquerte vor ihm die Kreuzung, machte unauffällig kehrt und lief ihm nun entgegen, sodass sie sich ungefähr in der Mitte der Kreuzung treffen würden. Paan senkte den Blick, schlängelte sich durch die dichte Menschenmenge, sodass er sich seiner Beute von links annäherte. Er zog die kleine scharfe Klinge, die er in seinem weiten Ärmel versteckt hatte. Kurz bevor er auf einer Höhe mit dem jungen Mann war, kreuzte er mit einem schnellen Schritt dessen Weg, sodass sie zusammenstießen.
„E-Entschuldigung“, stammelte Paan hastig, spielte den Verlegenen, den Blick immer noch gesenkt. Dann drückte er sich umständlich an seinem Opfer vorbei und durchtrennte dabei mit dem Messer geschickt den Riemen einer der Taschen. Sie löste sich von ihrem Träger, und verschwand augenblicklich in Paans weitem Ärmel.
„Halt.“
Die Stimme des jungen Mannes war kühl und ruhig, als er mit festem Griff Paans Oberarm packte und ihn mit einem Ruck zu sich umdrehte. Wie ein Raubtier seine Beute, so starrte der Mann den kleinen Dieb in seinen Fängen an, der sich plötzlich selbst in der Opferrolle wiederfand. Er war erwischt worden. Ein dröhnendes Rauschen in seinem Kopf begann seine Gedanken zu lähmen.
„Meine Tasche“, sagte der junge Aristokrat nur und hielt Paan eine offene Hand hin.
„W-Welche Tasche? Ich hab ihre Tasche nicht...“, war das einzige was Paan zu seiner Verteidigung hervorbrachte. Kein Wunder, dass der Bestohlene sich davon gänzlich unbeeindruckt zeigte. Statt dessen verstärkte er seinen Griff um Paans Arm.
„Treib keine Spielchen mit mir, Junge, es ist eigentlich nicht meine Art, Kindern die Arme zu brechen, aber wenn du nicht auf der Stelle...“
„Gibt es hier Probleme?“, kam plötzlich eine Stimme von der Seite. Ein fülliger Kaufmann hatte die kleine Szene beobachtet und war zu dem Schluss gekommen, dass es besser war sich einzumischen.
„Nein, keine Probleme“, antwortete der junge Mann, „ich habe alles im Griff, danke.“
„Hat der Bengel sie etwa bestohlen? Das ist ja.. das ist ja die Höhe!“, empörte sich der Fremde weiter.
„Hören sie, wie ich bereits sagte, es...“, setzte der junge Mann an.
„Das ist bestimmt so ein Unterstadt Bengel! Wie kommt der überhaupt hier hoch?!“
Der dicke Kaufmann ließ nicht locker und das schien den jungen Aristokraten leicht nervös zu machen. Irgendetwas war hier faul, dachte Paan, und sah sich vorsichtig nach einem Fluchtweg um, für den Fall, dass sich eine Möglichkeit bot.
„Keine Sorge, da kommt schon eine Patrouille, die werden sich gleich darum kümmern, dafür werde ich schon sorgen“, sagte der Kaufmann, und schon begann er wild zu winken und zu rufen, „hier her! Hier drüben!“
„Verfluchter Kollaborateur“, zischte der junge Mann, und Paan wusste, jetzt war seine letzte Chance zu entkommen. Er fühlte wie der Griff um seinen Arm sich kurz lockerte, nahm all seine Kraft zusammen, riss sich mit einer schnellen Drehung um die eigene Achse los und lief so schnell er konnte in die Richtung, aus der er gekommen war. Der junge Aristokrat stürzte sofort hinterher. Paan versuchte verzweifelt ihn in der Menge abzuschütteln, durch die sie sich schubsend und ausweichend kämpften, doch der junge Mann war schnell. Schneller als Paan. Schon hatte er ihn eingeholt, war auf Armeslänge herangekommen, konnte jeden Augenblick zupacken und ihn festhalten... und rannte im nächsten Moment neben Paan her.
„Wenn die dich mit der Tasche erwischen... brech ich dir die Beine, Junge.“
Doch Paan hatte weder vor sich von den somarischen Soldaten erwischen zu lassen, die ihnen inzwischen zweifellos auf den Fersen waren, noch wollte er sich die Beine brechen lassen von so einem Oberstadt-Lackaffen. Erst recht nicht, wenn dieser offensichtlich auch einen guten Grund hatte, einer Konfrontation mit den Somarern aus dem Weg zu gehen. Und diesen Grund hielt Paan nach wie vor fest umklammert in seiner rechten Hand. Was konnte das nur sein, das er da erbeutet hatte? Er war jetzt mehr denn je fest entschlossen das herauszufinden.
Als sie an einer Abzweigung vorüber rannten, die in ein Gewirr aus kleinen Seitenstraßen zu führen schien, rannte Paan zunächst daran vorbei, noch ein paar Meter weiter geradeaus, schlug dann plötzlich einen Haken, lief zurück und bog in eine Seitenstraße ein. Als der junge Aristokrat fluchend kehrt machte, um Paan zu folgen, stieß er mit einem Passanten zusammen, was ihn wertvolle Sekunden kostete. An jeder Kreuzung auf seinem Weg änderte Paan nun die Richtung, lief hier hin und dort hin, bis er sicher war, seine Verfolger und den jungen Mann abgehängt zu haben. Gerade noch rechtzeitig, denn wie er in diesem Moment feststellen musste, hatte die letzte Abzweigung ihn in eine Sackgasse geführt, an deren Ende sich eine private Anlegestelle für Luftschiffe befand. Dahinter ging es nur noch in einer Richtung weiter: Im freien Fall abwärts bis zu den Dächern der Unterstadt. Paan ließ sich schwer atmend auf dem Landesteg nieder und gönnte sich einige Sekunden, um zur Ruhe zu kommen. Dann holte er die Tasche aus seinem Ärmel und unterzog sie einer näheren Betrachtung. Äußerlich war sie nichts besonderes, so gut wie jede andere, die er erbeutet hatte. Vorsichtig öffnete er sie und zog den Inhalt heraus. Es war ein Daten-Pad. Ein einfaches, handliches Display, mit ein paar Knöpfen. Auch keine Besonderheit. Es konnten also nur die Informationen sein, die auf dem Pad gespeichert waren, die es zu einer so brisanten Sache machten. Paan schaute sich noch einmal prüfend um. Die Luft war rein. Außer den Menschen auf den Straßen tief unter ihm, und den gelegentlich vorbeirauschenden Luftschiffen (der Verkehr in Ravaan hatte seit dem allgemeinen Flugverbot deutlich abgenommen), gab es nichts was ihn weiter hätte stören können. Als er das Pad an eines seiner StreamPacks angeschlossen hatte und mit einem Druck auf die flache Taste an der Front aktivierte, flackerte das Display auf. Eine Sekunde später hatte er schon das Datei-Menü des Speichers vor sich. Es zeigte nur eine einzelne Datei an. Paan öffnete sie. Vor seinen Augen entfaltete sich eine dreidimensionale schematische Ansicht, eine Stadtkarte. Sie stellte, wie jede andere Stadtkarte, die Straßen und Gebäude von Ravaan dar. Aber das war noch nicht alles. Am oberen Rand des Bildes befand sich eine Uhr und auf der Karte waren mehrere blinkende Symbole zu sehen. Paan drehte die Uhrzeit vorwärts und wieder rückwärts woraufhin sich die Symbole auf den Straßen Ravaans und auf den Haupt-Luftverkehrsrouten hin und her bewegten. Er fragte sich was diese leuchtenden Markierungen bedeuten könnten, drehte die Uhr noch einmal vor und wieder zurück. Und wieder vor. In seinen Gedanken formte sich eine Idee. Auf seinen Diebestouren hatte er die somarischen Soldaten bei ihren Patrouillen etwas genauer beobachtet. Sie schienen einem genauen Plan zu folgen, da sie stets zur selben Zeit die selben Wegpunkte passierten. Dieses Wissen hatte es Paan ermöglicht, die Patrouillen bei seinen Unternehmungen meist zu umgehen, oder sich ruhig zu verhalten wenn sich eine Begegnung nicht vermeiden ließ.
Er drehte die Uhr noch einmal etwas zurück, etwa zu der Stelle, an der seine Flucht vor wenigen Minuten begonnen hatte. Und tatsächlich näherte sich auf der Karte eines der kleineren Symbole der Kreuzung, wo er bei seinem Diebstahl erwischt worden war. Das kleine Symbol stellte offenbar die Patrouille dar, die der Kaufmann gesehen und anschließend auf ihn gehetzt hatte. Dann mussten die etwas größeren Symbole, die sich auf den Luftschiff-Routen durch die Schlucht bewegten, die Schiffe der Somarer darstellen, die ihre Runden durch die Stadt drehten, um den Luftraum zu kontrollierten. Und dann waren da noch die ganz großen Symbole, die einen Kreis um Ravaan bildeten. Riesige Schlachtschiffe, die einen Blockadering formten, der eventuell flüchtende oder gar von außen angreifende Luftschiffe vernichten sollte.
Paan bemerkte neben der Uhr eine weitere Schaltfläche, die noch inaktiv war. Als er sie betätigte, vergrößerte sich ein Kartenabschnitt im südlichen Teil der Stadt. Die Oberstadt wurde ausgeblendet, sodass nur noch die darunterliegende Unterstadt zu sehen war. Dann wurde auch diese ausgeblendet. Die Karte zeigte jetzt nur noch die Fundamente Ravaans und die größtenteils verfallene, halb im Fluss versunkene Altstadt. Paan hielt gespannt die Luft an. Aus einem Gebäudekomplex nahe der Industrieanlagen kam eine kleine Kette aus drei länglichen Symbolen gefahren, die sich langsam in Richtung Norden schlängelte. Jedes Mal wenn ein Patrouillienschiff-Symbol sich näherte, hielt die Dreier-Formation an oder fuhr in einen anderen Gebäudekomplex, ähnlich dem, aus dem sie gekommen war. So ging die Fahrt Fluss aufwärts, bis sie die große Gabelung des Flusses erreichte. Doch anstatt links oder rechts abzubiegen, fuhren die Symbole geradeaus weiter, direkt in den Regierungspalast.

Paan hatte gelegentlich Geschichten gehört, über die Altstadt und die Anfänge Ravaans, unten am Fluss. Einmal war er selbst dort unten gewesen, hatte in den verlassenen Häusern herumgestöbert, aber nichts außergewöhnliches gefunden, bis auf ein paar antiquarisch anmutende Gegenstände und Gerätschaften, deren Nutzen er nur erraten konnte. Sie waren immerhin weit über hundert Jahre alt, aus einer Zeit in der Luftschiffe noch ein seltener Anblick gewesen waren. Er hatte sich damals gefragt wie die Menschen in der Stadt sich fortbewegt hatten, wenn sie nicht geflogen waren. Und er hatte eine Antwort gefunden. Knapp über dem im Lauf der Zeit gestiegenen Wasserspiegels des reißenden Flusses, war eine Stahlkonstruktion durch die Schlucht verlaufen. Es waren Streben und Träger, die sich in der Mitte über dem Fluss trafen, und zwei Schienenstränge hielten. Paan war ihrem Verlauf gefolgt, und auf mehrere Stationen gestoßen, die den Landestegen der Luftschiffe im heutigen Ravaan ähnlich waren. Nur eben mit Schienen, statt der Luftschiffe. Und dann hatte er etwas gefunden, das seine ganze Neugier geweckt hatte. In einer der Stationen hatte tatsächlich noch eine rostige, alte Schwebebahn an ihren Schienen gehangen. Vorsichtig war Paan hineingeklettert und hatte die altertümlichen Technik und die altmodischen Verzierungen an den Fenstern begutachtet. Am besten hatte ihm der Antrieb in der Mitte des Zuges gefallen, ein Elektromotor der mit einer urtümlichen Form der modernen StreamPacks betrieben worden war. Leider waren sie alle entfernt worden, aber den ungewöhnlichen Anschlüssen nach zu urteilen mussten sie viel größer, unhandlicher und sicher auch weniger leistungsstark gewesen sein, als jene, die heutzutage gebaut wurden.

Als die drei kleinen Symbole auf der Karte ihre Fahrt beendet hatten, wusste Paan, was er da vor sich hatte. Wenn man es schaffte die alte Schwebebahn zu reaktivieren, war es theoretisch möglich damit den Palast unbemerkt zu infiltrieren, den die Somarer als Regierungssitz übernommen hatten.
Und jetzt wusste er auch, warum der junge Aristokrat vor den Somarern geflohen war: Er war ein Widerstandskämpfer. Ein Rebell! Paans Herz begann vor Aufregung schneller zu schlagen.

„So,  jetzt hätte ich aber gerne meine Tasche wieder.“
Paan drehte sich erschrocken um, so schnell, dass er um ein Haar vom Landungssteg gefallen wäre. Er war so in seine Gedanken vertieft gewesen, dass ihm völlig entgangen war, wie sich der junge Aristokrat von hinten herangeschlichen hatte. Jetzt stand er mit vor der Brust verschränkten Armen da und versperrte Paan den einzigen Fluchtweg. Doch kaum hatte dieser sich von seinem Schrecken erholt, da hatte er auch schon einen Plan.
„Nein“, war daher seine klare Antwort, die seinen Gegenüber sichtlich überraschte.
„Wie, nein? Ich hab dich erwischt, du sitzt in der Falle, ohne Ausweg. Muss ich mir wirklich die Hände schmutzig machen und mir mein Eigentum mit Gewalt zurückholen?“
„Vielleicht. Aber vorher will ich noch was wissen.“
„Jetzt stellt er auch noch Forderungen, ich glaub‘s nicht... hör zu, du...“
„Bist du ein Rebell?“, fiel ihm Paan ins Wort.
Schweigen. Der junge Mann musterte Paan misstrauisch. Dann trat er einen Schritt auf ihn zu und flüsterte:
„Und wenn dem so wäre, müsste ich dich dann nicht da runter werfen, damit du‘s keinem erzählst?“
Gänzlich unbeeindruckt von dieser Drohung hielt Paan das Daten Pad über den Rand des Landesteges.
„Wär aber schade um die Karte, oder?“, fragte er.
Der Andere verlor langsam die Geduld, das konnte Paan ihm ansehen.
„Also gut, was willst du, Kleiner?“
Paan nahm all seinen Mut zusammen.
„Ich will auch Rebell werden.“
Wieder Schweigen. Dann fing der junge Mann an zu lachen.
„Du willst was? Lass die Witze, Junge, das ist eine todernste Angelegenheit, darüber scherzt man nicht.“
„Mach ich nicht. Ich meins ernst. Hab den Plan gesehn... Ihr wollt die alte Schwebebahn benutzen um in den Palast zu kommen. Stimmt doch, oder?“
Der junge Mann sah ihn jetzt wieder abschätzend an, als würde er zwei Möglichkeiten gegeneinander abwägen, um zu entscheiden was er mit dem vorlauten Bengel anfangen sollte.
„Du weißt schon zu viel, ...“
„Ja, ja, ich weiß, du müsstest mich jetzt eigentlich hier runter werfen. Aber dann wärst du auch dein wertvolles Pad los und keiner von uns hätte was gewonnen“, sagte Paan und ließ besagtes Pad wieder über dem Abgrund baumeln.
„Ach, und was hätte ich gewonnen, wenn ich auf deinen Handel einginge? Das musst du mir mal genauer erklären.“
„Ihr wollt also diese Schwebebahn benutzen. Aber wisst ihr auch, wie ihr sie zum laufen kriegt? Wie habt ihr euch das gedacht, wollt ihr eure tollen, modischen StreamPacks anschließen? Das ist als wollte man ein Ruderboot mit einem Fusionsreaktor betreiben. Was ihr braucht, ist aber ein Ruderer. Und der bin ich.“ Paan wartete auf eine Reaktion. Der junge Mann schien interessiert, doch Paan wollte eine Bestätigung hören.
„Red weiter.“
Das genügte ihm.
„Ich war früher schon mal da unten und hab die Bahn gesehn. Bei der veralteten Technik kommt ihr nicht weit mit eurem Hightech Zeug“, erklärte Paan und wedelte dabei mit dem Daten Pad hin und her.
„Die alten StreamPacks gibts nicht mehr, aber ich kann eins rekonstruieren, wenn ihr mir die Bauteile besorgen könnt.“
Jetzt war es raus.
„Wer sagt, dass wir das nicht selbst hinbekommen können?“, fragte der Rebell.
Das war tatsächlich Paans größte Befürchtung, aber er gab sich selbstbewusst, zog eine Augenbraue in die Höhe und fragte:
„Könnt ihr?“
Wieder Schweigen. Nach ein paar Sekunden, die Paan wie eine Ewigkeit vorkamen, hatte der junge Aristokrat eine Entscheidung getroffen.
„Also gut, Kleiner, ich mach dir einen Vorschlag. In zwei Tagen findet eine Versammlung statt, bei der sich die Widerstandsmitglieder dieses Distriktes treffen, um den Infiltrationsplan zu besprechen. Du kannst dich daran beteiligen, und wenn du es schaffst, alle davon zu überzeugen, dass wir dich bei der Schwebebahnaktion brauchen, könnte ich mir vorstellen, dass du eine Chance bekommst dich uns anzuschließen. Eventuell. Sind wir uns soweit einig?“
Das war mehr, als Paan zu hoffen gewagt hatte.
„Ja.“
„Gut. Der Ort der Versammlung wird erst kurz vorher bekannt gegeben, aus Sicherheitsgründen. Warte gegen acht Uhr morgens auf dem Platz vor der Markthalle 3, Distrikt 6. Einer unserer Botenjungen wird sich dort einfinden und einige Minuten lang die Tauben füttern. Das ist das Zeichen. Füttert er sie auf der Südseite des Platzes, wird er verfolgt, oder beschattet. Dann wird das Treffen um genau 24 Stunden verschoben. Füttert er die Tauben auf der Nordseite, ist die Luft rein. Dann wirst du ihm folgen, sobald er weitergeht. Unauffällig und mit Abstand, versteht sich. Der Bote wird dich zum Treffpunkt führen. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass die ganze Sache so geheim, wie gefährlich ist. Wenn wir auffliegen, können wir von Glück reden, wenn die Somarer sich damit begnügen uns für den Rest unseres Lebens einsperren. Nachdem sie jedes Quäntchen an Information über den Widerstand aus uns raus gequetscht haben, versteht sich.“
Paan nickte ernst.
„Sag mal Junge, warum bist du überhaupt so scharf darauf, Kopf und Kragen für so etwas zu riskieren?“
Das konnte Paan selbst nicht so genau sagen, denn er hatte mehr aus einem Gefühl heraus gehandelt. In seinem jungen Leben war es noch nicht oft vorgekommen, dass er sich wirklich Gedanken über das gemacht, was er tat, und welche Konsequenzen sein Handeln haben könnte. Oder war ihm das sogar egal? Er dachte einen Moment über die Frage nach.
Eigentlich war es doch ganz einfach.
„Ich hab keine Lust mehr mich einsperren zu lassen. Ich will tun und lassen können, was ich will, so wie früher. Ich will meine Freiheit wieder haben...“ Dann fielen ihm seine Eltern ein, und er fügte hinzu: „Liegt wohl in der Familie. Außerdem hab ich Hunger, diese Rationen sind einfach zu mickrig.“
Zum ersten Mal lächelte der junge Aristokrat. Eigentlich war es eher ein amüsiertes Grinsen und plötzlich hatte Paan schon wieder das Gefühl den Mann schon einmal irgendwo gesehen zu haben...
„Und du? Warum bist du beim Widerstand?“, fragte er und hielt seinem Gegenüber das Daten Pad mit der Karte hin, um ihre Abmachung damit zu besiegeln.
„Ich will wieder fliegen.“
Und da wusste Paan, wen er vor sich hatte. Das Grinsen, das ihm eben so aufgefallen war, hatte dem jungen Mann damals wie unauslöschlich im Gesicht geklebt. Er war der Rennpilot, in dessen Luftschiff er am ersten Tag des Festivals hatte sitzen dürfen, und der ihm das große StreamPack geschenkt hatte. Jetzt tat es Paan fast leid, dass er ihm die Tasche mit dem Pad gestohlen hatte. Er überlegte noch einmal kurz, doch dann streckte er dem Piloten die Hand hin. Er konnte sich ja wenigstens noch vorstellen, um zumindest ein kleines bisschen Anstand zu bewahren.
„Ich heiß übrigens Paan.“
Der Andere hatte einen festen Händedruck.
„Freut mich. Mein Name ist Vidar.“
Er sah Paan an und es schien, als würde auch er sich in diesem Moment an den Jungen erinnern, der an jenem Festtag mit großen Augen die Schiffe der Rennpiloten bestaunt hatte. Dann sagte er:
„Sag mal, bist du nicht der Bengel, der uns beim Fest eines unserer StreamPacks geklaut hat?“

Tatsächlich hatte Vidar damals Paan das Pack in die Hände gedrückt, mit den Worten:
„Hier Junge, willst du mal halten? Ist ganz schön schwer, so ein Rennschiff-Pack, was?“
Dann hatte er sich einen Moment abgewandt, weil einer seiner Mechaniker ihm etwas zugerufen hatte. Als er sich wieder nach Paan umgedreht hatte, war der schon über alle Berge, und konnte sein Glück kaum fassen, dass ihm gerade jemand so ein erstklassiges StreamPack geschenkt hatte.





An diesem Abend konnte Paan nicht einschlafen. Er fragte sich ob er das Richtige getan hatte. War ihm seine Freiheit wirklich so viel wert, dass er dafür bereit war Kopf und Kragen zu riskieren? Aber andererseits, wie sollte es denn sonst weitergehen? So wie sein Leben jetzt war, bestimmt nicht. Es musste sich etwas ändern. Und wenn er nichts an seinem Leben änderte, wer dann? Es lag allein in seiner Verantwortung, das zu tun, was er für richtig hielt.
Aber was war mit den anderen Waisenkindern? Und Lily? Wenn ihm tatsächlich etwas zustoßen sollte, würden sie trotzdem über die Runden kommen, mit den mageren Rationen? Ohne seine zusätzlichen Beschaffungsmaßnahmen und seine Geschäfte mit den StreamPacks, würden sie es bestimmt schwerer haben. Selbst Frau Difuur tolerierte sein Tun, weil sie wusste, dass es eine Notwendigkeit war. Zum Wohle der Kinder.
Andererseits bestand auch bei seinen Beutezügen und illegalen Tauschgeschäften ständig die Gefahr erwischt zu werden. Es war eigentlich nur eine Frage der Zeit bis es passierte. Er hatte diesen Gedanken stets verdrängt, hatte es vermieden weiter in die Zukunft zu planen, sich zu fragen, wo das alles hinführen sollte. Und so hatte er sich bis jetzt nur ziellos auf dem Strom der Ereignisse treiben lassen, hatte getan was ihm im Hier und Jetzt richtig erschienen war. Aber das führte nirgendwo hin.
Das war nicht seine Zukunft, nicht sein Leben. Er wollte wieder frei sein, wollte, dass alle wieder frei waren. Und wenn er dafür kämpfen musste, dann war es auch richtig zu kämpfen.

Den nächsten Tag verbrachte Paan damit, sich auf das Treffen mit den Rebellen vorzubereiten. Schließlich musste er überzeugend auftreten, und zu allem bereit, wenn er nicht wieder nach Hause geschickt werden wollte. Er begann damit seine Ausrüstung zu ordnen, einige StreamPacks zu reparieren und anschließend aufzuladen. Dann machte er sich daran einen Prototypen des Schwebebahn-Packs zu entwerfen.
Paan war so beschäftigt, dass er das Mittagessen versäumte, ohne es zu bemerken. Erst als am frühen Nachmittag Lily vor seiner Tür stand und ihm ein paar Reste brachte, machte er eine kleine Pause. Während er an seinem Tisch saß und eilig seine Mahlzeit in sich hinein schaufelte, ließ sich Lily auf seiner Bettkante nieder und sah sich in seinem Zimmer um. Als ihr Blick auf die Pläne und Zeichnungen auf Paans Daten Pad fiel, das vor ihm auf dem Tisch lag, stand sie auf, um es näher in Augenschein zu nehmen.
„Hast du deshalb das Essen verpennt? Was wird das denn, wenn‘s fertig ist?“
Paan sah von seinem Teller auf.
„Mh, nur fo ne Idee“, antwortete er mit vollem Mund, „nigf befonderef.“
Damit schob er das Pad beiseite und schaltete das Display auf Stand by.
„Ach so“, sagte Lily.
Jetzt sah sie sich noch einmal genauer in dem Zimmer um. Für Paans Verhältnisse war es ungewohnt ordentlich. Sortierte Ausrüstungsteile, eine fein säuberlich gepackte Tasche, keine ungeladenen StreamPacks, die sonst immer überall herumlagen. Irgendetwas war hier offensichtlich im Gange, von dem sie nichts wissen sollte. Etwas, das größer war, und wahrscheinlich auch gefährlicher, als Paans inzwischen schon alltäglich gewordenen Raubzüge in der Oberstadt. Lily hatte kein gutes Gefühl bei der Sache und beschloss, ihn im Auge zu behalten.

Einige Stunden später hatte Paan genug vom Planen und legte sein Daten Pad beiseite. Seine Entwürfe waren inzwischen mehr als ausreichend, um die Widerstandskämpfer bei dem Treffen überzeugen zu können, dessen war er sich sicher.
Also machte er sich daran, noch ein wenig an seinem großen StreamPack herumzubasteln. Er hatte schon vor Tagen damit begonnen einen Adapter zu bauen, der es ihm ermöglichte den starken Energiespeicher auch für kleine, handlichere Geräte zu nutzen, und ihre Leistung dadurch um ein Vielfaches zu steigern. Die letzten Handgriffe, die zur Fertigstellung jetzt noch anfielen, waren eine willkommene Abwechslung, nach der anstrengenden Denkarbeit der letzten Stunden. Außerdem konnte er mit diesem Projekt morgen sicherlich auch ein wenig Eindruck schinden.

In dieser Nacht schlief Paan erstaunlich gut. Seine Gedanken waren geordnet, sämtliche Zweifel beseitigt und er hatte alles in seiner Macht stehende getan, um die anstehende Aufgabe zu bewältigen.

Dennoch wachte er am Morgen früher auf als gewöhnlich. Nachdem er sich kurz vergewissert hatte, dass die anderen alle noch schliefen, nahm er seine Sachen, schlich in die Küche, packte ein wenig Brot vom Vorabend ein und füllte eine Feldflasche mit Wasser. Als er bis ins Erdgeschoss herunter geschlichen war, überprüfte er noch einmal seine Ausrüstung, um sicherzugehen, dass er auch wirklich nichts vergessen hatte. StreamPacks, Adapter, Daten Pad, Proviant, Werkzeug... alles da. Leise öffnete er die große Eingangstür und schlüpfte hinaus in die kalte Morgenluft.

Tief unten in der Schlucht hingen noch dichte Nebelschwaden über dem Fluss, während sich hoch über ihm schon ein goldener Streifen auf den Wolkenkratzern der Oberstadt abzeichnete.
Er war früh dran, daher nahm er sich etwas Zeit und schlenderte gemütlich durch die Gassen von Distrikt 6, wie die Somarer sein Viertel nannten, in Richtung der Markthalle, wo er später den Kurier treffen würde. Paan war noch nicht oft zu so früher Stunde unterwegs gewesen. Er war die geschäftige Betriebsamkeit in den Straßen zur Mittagszeit gewohnt und so kam ihm die Stadt fast ein wenig gespenstisch vor, bei den wenigen Menschen die ihm an diesem Morgen begegneten.
Als er schließlich auf dem Platz ankam, hatte er immer noch eine halbe Stunde bis zum verabredeten Zeitpunkt. Also setzte er sich auf eine Bank am Rand des Platzes, packte sein Brot aus und begann zu essen. Sofort scharten sich einige Tauben um ihn, die nach den herabfallenden Krümeln pickten.
Langsam begann das Leben auf den Straßen und immer mehr Menschen, Bürger wie Besatzer, tummelten sich auf dem Platz vor der Markthalle, doch die meisten liefen einfach nur vorüber, gingen wichtigen Tätigkeiten nach, oder taten ihren Dienst. Kaum einer hatte die Muse sich einfach hinzusetzen und die Zeit verstreichen zu lassen. Paan war das gerade recht, so würde er es leichter haben den Rebellen-Kurier zu identifizieren.
„Na, wen haben wir denn da?!“
Paan rutschte das Herz in die Hose. Wie war das möglich? Konnten die Grenze zwischen den Stadtteilen, die seine neuen Feinde errichtet hatten, ihm nicht wenigstens seinen alten Feind vom Leib halten? Offensichtlich nicht, denn einen Augenblick später stand Miikael auch schon vor ihm und blickte abschätzig auf ihn herab.
Paan rechnete fest damit, dass er jetzt bezahlen würde, für das, was bei ihrer letzten Begegnung passiert war. Die Frage war nur, würde Miikael sich damit begnügen ihn einfach nur grün und blau zu schlagen, oder hatte er sich inzwischen eine raffiniertere Art der Vergeltung einfallen lassen?
„Hättest nicht erwartet mich so schnell wieder zu sehen, was?“, fragte Miikael, während er sich, zu Paans Überraschung, neben ihn auf die Bank setzte.
„Der Platz war doch noch frei, nicht wahr? Oder erwartest du jemanden?“
Vorsichtig musterte Paan seinen Erzrivalen. Der lehnte sich zurück und machte es sich bequem, so als beabsichtigte er hier eine Weile zu bleiben. Das war nicht gut. In wenigen Minuten würde der Kurier hier sein und Paan würde ihm dann heimlich folgen müssen. Doch so wie es im Moment aussah, saß er hier erstmal fest, fühlte sich wie angekettet, durch Miikaels bloße Anwesenheit. Paan musste sich irgendwie aus dieser verzwickten Lage befreien, und zwar schnell. Doch der Andere schien es nicht eilig zu haben, seine Absichten zu äußern, ganz im Gegenteil, er schien die fast schon greifbare Spannung zu genießen, die zwischen ihnen in der Luft lag.
„Was willst du?“ platzte Paan schließlich heraus.
„Nanana, warum denn so unhöflich? Wir sind doch auf der selben Seite, du und ich.“
„Was meinst du?“, fragte Paan misstrauisch.
„Ich weiß ja nicht, ob du‘s mitbekommen hast, in deinem kleinen Waisenhaus hier unten, am Rand der Zivilisation, aber wir haben ungebetene Gäste hier, die sich unsere schöne Stadt unter den Nagel gerissen haben.“
„Ja, hab ich bemerkt.“ Paan war immer noch vorsichtig.
„Na also. Hab doch gewusst, dass du nicht auf den Kopf gefallen bist. Wie du dir vielleicht vorstellen kannst, haben mir diese elenden Schweine einen Strich durch meine Karriere bei den Luftstreitkräften gemacht. Das gesamte Militär lahmgelegt. Ich weiß zwar nicht, was deine Zukunftspläne waren, aber ich könnte mit vorstellen, dass die sich genau wie meine in Rauch aufgelöst haben. Aber ich hab auch von den Geschäfte gehört, die du am Laufen hast, Paan. Und aus denen schließe ich, dass du gute Verbindungen zu den richtigen Leuten hast, die es dir erlauben, deinen kleinen Schwarzmarkt zu betreiben. Das kann in Zeiten wie diesen sehr wertvoll sein, wie du sicherlich weißt. Ich verfüge in meinem Teil der Stadt ebenfalls über einige hilfreiche Verbindungen. Es mag vielleicht verrückt klingen, aber wenn wir uns zusammen tun, könnten wir etwas auf die Beine stellen, Paan, um unseren ungebetenen Gästen ein wenig die Tour zu vermasseln, ihnen das Leben schwer zu machen. Und vielleicht ist auch noch mehr drin, was meinst du?“
So langsam wurde Paan nervös. Was sollte das Theater? Sein einstiger Widersacher benahm sich plötzlich, als sei er der beste Verbündete, den Paan sich wünschen konnte und wollte ihn offensichtlich in seine eigenen finsteren Pläne hineinziehen. Oder wollte er ihn erpressen? Das war Paan alles andere als geheuer. Er musste Miikael loswerden. Jetzt.
„Nun, das ist wirklich sehr... nett... von dir, wirklich, aber ich denke ich komme ganz gut alleine zurecht. Hab mit meinen eigenen Plänen schon alle Hände voll, und so ne große Hilfe wär ich dir auch nicht, ganz ehrlich. Du bist ohne mich bestimmt besser dran.“
Paan ohrfeigte sich in Gedanken selbst für diese dümmste aller Antworten. Warum nur war er nie schlagfertig, wenn es drauf ankam. Irgendwie schaffte er es immer sich um Kopf und Kragen zu reden.
Doch Miikael überraschte ihn ein zweites Mal.
„Tja, das ist schade. Kannst es dir ja nochmal überlegen. Du weißt wo du mich findest, wenn du deine Meinung doch ändern solltest.“
Er stand auf und wandte sich zum gehn, drehte sich dann aber noch einmal um.
„Wie sagt man so schön: Unter drei Feinden mögen sich zwei Freunde finden.“

Paan konnte erst aufatmen als Miikael hinter der nächste Ecke verschwunden war.
Keine Sekunde zu früh. Als Paans Blick wieder über den Platz wanderte, saß der Kurier schon auf einer Bank, ein paar Meter von ihm entfernt, und warf den Tauben, die sich zu seinen Füßen versammelt hatten eine letzte Hand voll Körner hin. Er musste schon einigen Minuten dort gesessen haben, ohne dass Paan ihn bemerkt hatte. Jetzt fiel ihm auf, dass der Bote für einen Widerstandskämpfer sehr jung war, bestimmt zwei oder drei Jahre jünger als Paan. Schleunigst prägte er sich die auffälligsten Merkmale des Jünglings ein damit er ihn leicht wiederfinden konnte, falls er ihn aus den Augen verlor: Ein voller Rucksack und eine große Kapuze auf dem Kopf, unter der ein paar blonde Locken hervorschauten.
Jetzt stand der Bote auf.
„Norden gut, Süden schlecht“, rief Paan sich ins Gedächtnis, während er sich seine Tasche umhängte, bereit dem Boten zu folgen. Der hatte auf der Nordseite des Platzes gesessen, die Luft war also rein. Dann erinnerte er sich an die Anweisung Vidars, dem Boten unauffällig und mit Abstand zu folgen. Er verlangsamte also seine Schritte, um die Distanz ein wenig zu vergrößern und folgte dem Jungen dann in dessen Tempo.

Ihr Weg führte sie in südlicher Richtung durch die großen Arbeiterviertel der Unterstadt, bis sie die weit im Süden Ravaans gelegenen Industrieanlagen erreichten. Hier standen riesige Fabriken, die teilweise vom Flussufer bis hinauf zum Rand der Schlucht reichten, kleine Manufakturen und Werkstätten, Raffinerien und tief in den Fels getriebene Minen. In diesem Teil der Stadt wurde alles produziert, was Ravaan zu einem selbstständigen, unabhängigen Stadtstaat machte. Von einfachen Küchengeräten bis hin zur neuesten Hightech Ausrüstung, vom StreamBike bis zum großen Schlachtschiff.
Doch viele der Produktionsstätten, vor allem die des Militärs, waren nach der Invasion stillgelegt und die Arbeiter nach Hause geschickt worden. Sie gehörten zu den armen Teufeln, die sich hin- und hergerissen sahen zwischen elendem Hunger als loyaler Bürger Ravaans, und einem stets gedeckten Tisch, den die Kollaboration mit dem Feind ihnen bieten konnte. Im Gegensatz zu den verwöhnten Aristokraten der Oberschicht jedoch, zeigten sich die Arbeiter standhaft, hielten zusammen und halfen einander aus, wo es nur ging, um den verräterischen Angeboten der somarischen Besatzer zu widerstehen.
Die Straßen hier unten waren dunkel und neblig und einmal hätte Paan den kleinen Kurier beinahe verloren, als dieser überraschend in eine Seitenstraße abgebogen war. Zu allem Überdruss war in diesem Moment am anderen Ende der Straße auch noch eine Patrouille somarischer Soldaten aufgetaucht, sodass Paan sich zügeln musste dem Kurier nicht schnell hinterher zu rennen, und sich so womöglich verdächtig zu machen. Als er die Abzweigung schließlich erreichte, konnte er gerade noch sehen wie der junge Rebell hinter der nächsten Ecke bei einer großen Fabrik verschwand. Paan beeilte sich, um ihn nicht wieder zu verlieren. Als er dann ebenfalls um die Ecke bog, hörte er gerade noch eine Tür ins Schloss fallen. Der Junge war weg.
Vorsichtig schlich Paan an der Rückseite des riesigen Fabrikgebäudes entlang, das die Gasse in tiefen Schatten tauchte. Aus den Luftschächten des Kühlsystems, die überall aus der Mauer der Fertigungsanlage ragten, zischten immer wieder dichte Wolken aus Wasserdampf. Die feuchte Luft kondensierte kurz darauf wieder an den Wasserleitungen, die sich über Paans Kopf umeinander wanden, und sorgte für einen leichten Dauerregen und große Pfützen auf dem Boden.
Paan ging weiter bis er zu einer massiven Stahltüre kam, die vermutlich der Hintereingang der Fabrik war. Er sah sich um, aber es gab keinen anderen Zugang. Das musste die Tür sein, die er gehört hatte. Als er versuchte sie zu öffnen, stellte er jedoch entgeistert fest, dass die Tür fest verschlossen war. Keine Klinke, kein Griff, kein Schlüsselloch, nichts womit er das hätte ändern können.
Bei genauerem Hinsehen bemerkte er jedoch eine Abdeckung, die an der Wand neben der Tür angebracht war. Das musste so eine Art elektronisches Sicherheitsschloss sein, vermutete Paan, das hier in die Mauern eingelassen war. Doch auch hier waren keine Knöpfe und keine Schalter oder sonst irgendetwas, das ihm den Weg nach drinnen hätte öffnen können.
Irgendwie musste er aber hineinkommen. Also beschloss er, einfach mal anzuklopfen. Zuerst vorsichtig, dann etwas lauter und schließlich hämmerte er mit der Faust gegen die kalte glatte Stahlfläche. Nichts rührte sich. Da stand er nun, einsam in einer dunklen Gasse, und kam nicht mehr weiter.
Was sollte das ganze überhaupt? Warum wurde er hierher gelotst und dann einfach draußen stehen gelassen? Paan schaute sich noch einmal um, aber es gab wirklich keine andere Tür. Sein Blick fiel wieder auf das Sicherheitsschloss. Er war nicht so weit gekommen, um kurz vor dem Ziel kehrt zu machen und wieder nach Hause zu gehen. Und er hatte auch noch nicht all seine Möglichkeiten ausgeschöpft.
Nach einigem Suchen hatte Paan die passenden Werkzeuge aus seiner Tasche gekramt und machte sich an der Abdeckung des Sicherheitsschlosses schaffen. Nach ein paar geschickt angesetzten Hebeln mit einem seiner Schraubenzieher hatte er die Schaltkreise der Türsteuerung freigelegt und versuchte aus dem Kabelgewirr, das er jetzt vor ich hatte, schlau zu werden. Es war eine komplexe, aber nicht besonders raffinierte Sicherung und nach einigem Hin und Her hatte Paan schließlich die relevanten Kabel identifiziert und ihre Stecker aus den Halterungen herausgezogen. Jetzt musste er eigentlich nur noch die freigewordenen Anschlüsse und Schaltkreise überlasten, dann sollte die Sicherung außer Kraft gesetzt sein. Das heißt, sofern er keinen Fehler gemacht hatte.
Plötzlich hörte er ein leises Platschen, nicht weit von ihm entfernt. Schnell drehte er den Kopf in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war, doch da war nichts zu sehen. Paan überlegte kurz, oder er besser nachschauen gehen sollte. Aber wahrscheinlich war es nur ein loses Stück Putz gewesen, oder ein kleines Steinchen, das sich weiter oben gelöst hatte und in eine der vielen Pfützen gefallen war.
Eilig wandte er sich wieder seiner eigentlichen Aufgabe zu und machte sich daran das große StreamPack mit Hilfe seines Adapters mit den freien Anschlüssen zu verbinden. Er stellte das Pack auf volle Leistung, holte noch einmal tief Luft, und aktivierte dann die Energiezufuhr.
Es knallte ein paar Mal, dann quoll Rauch aus dem Gehäuse der Türsicherung, bevor sie mit einem deutlich hörbaren Klack aufsprang. Erleichtert schaltete Paan sein StreamPack wieder ab und zog die Kabel aus den Anschlüssen. Nachdem er alles wieder in seiner Tasche verstaut hatte, straffte er sich noch einmal und trat durch die Tür ins Dunkel.
Es dauerte einen Moment, bis sich seine Augen an das spärliche Licht gewöhnt hatten. Vor ihm lag eine steil nach unten führende, schmale Treppe, von deren Ende ein tiefes Summen zu ihm heraufdrang. Je weiter er nach unten stieg, desto durchdringender wurde das Summen, bis er das Gefühl hatte, dass die Luft um ihn herum regelrecht vibrierte. Unten angekommen zögerte er einen Moment, bevor er weiterging. Vor ihm erstreckte sich ein langer, hoher Raum, dessen Boden etwa fünf Meter unter ihm lag. Vom Fuß der Treppe aus führte ein schmaler Steg über den Abgrund. Zu beiden Seiten waren entlang dieses Steges riesige Stream Generatoren aufgereiht mit meterhohen zylindrischen Kondensatoren, Turbinen, Kühlaggregaten, Schläuchen und Rohren. Und von überall her kam das durchdringende, elektrische Summen. Es war das erste Mal, dass Paan einen Reaktorraum dieses Ausmaßes sah. Er war absolut fasziniert. Im Waisenhaus gab es nur einen einzigen Streangenerator, an dem sie ihre StreamPacks laden mussten. Er natürlich nicht, er hatte ja seine Brennstoffzelle.
Wie gebannt schritt er die lange Reihe der monströsen Maschinen entlang, die sich wie Riesen über ihn zu beugen schienen und bedrohlich vor sich hin brummten.
Dort, wo die Reihe der Generatoren zu Ende war, mündete der Steg in eine Plattform, unter der sich ein weiterer Raum öffnete.
Er konnte Stapel von Kisten mit Ausrüstung sehen, Feldgeneratoren, StreamPacks und auf einem massiven Regal ausgebreitet lagen Handfeuerwaffen aller Art. Eine echte Rebellenbasis! Auf der gegenüberliegenden Wand des Raumes waren große Bildschirme angebracht, die wohl der Überwachung der Produktionsanlagen dienten. Auf den Schirmen konnte Paan stillgelegte Fertigungsstraßen erkennen, auf denen die verschiedensten Bauteile seit der Schließung der Fabrik durch die Somarer darauf warteten, montiert zu werden.
Paan nahm an, dass er hier in einer Art Kontrollraum war. Und er war hier nicht alleine.
Dort unten, in der Mitte des Raumes, stand Vidar mit einigen anderen Widerstandskämpfern um einen langen Kommandotisch versammelt. Auf dem Tisch erkannte er eine Projektion der Infiltrationspläne, und das angeschlossene Daten Pad, das Paan vor zwei Tagen gegen das Versprechen getauscht hatte, heute hier sein zu dürfen.
Inzwischen hatten alle Anwesenden Paans Ankunft bemerkt und sahen mit leicht überraschten Blicken zu ihm hinauf. Es herrschte absolute Stille.
Erst als Vidar laut anfing zu lachen, löste sich die Spannung und einen Augenblick später lachten alle. Nur Paan stand immer noch vollkommen perplex oben auf der Plattform und wusste nicht so recht was er von der Situation halten soll.
„Komm schon runter, du kleiner Teufelskerl!“, rief Vidar ihm zu.
Paan stieg die Treppe an der Seite der Plattform herunter und ging auf den großen Tisch zu. Er wusste noch immer nicht, was er sagen sollte. Dafür war Vidar umso redefreudiger. In einem nicht enden wollenden Wortschwall stellte er Paan die anderen Mitglieder des Widerstands vor, die ihn nacheinander mit einem festen Händedruck oder einem freundlichen Nicken begrüßten.
Neben Vidar war da noch Tido, der Junge mit den blonden Locken, der Paan hergeführt hatte. Er war der Kurier der Gruppe und kannte sich in den Arbeitervierteln und den Industrieanlagen hervorragend aus, da er hier aufgewachsen war.
Jonko war ein fülliger Maschinist, der früher im Maschinenraum eines großen Schlachtschiffes gedient hatte, doch seit einigen Jahren das eher gemütliche Leben auf einem Langstrecken-Frachtschiff dem immerwährenden Kriegseinsatz vorzog.
Kerel war ein großgewachsener kräftiger Bursche, der bis zur Besatzung durch die Somarer in einer Werft gearbeitet hatte, doch nun, wie die meisten anderen hier auch, keine Arbeit mehr hatte. Bei einem Arbeitsunfall hatte er seinen rechten Arm verloren und trug seitdem eine Prothese, genauer gesagt einen gewaltigen, Stream betriebenen Maschinenarm mit furchteinflößend großen Händen.
Dann war da noch ein netter alter Kauz namens Veikko. Veikko war Bibliothekar gewesen in der großen Palastbibliothek. Er sah es als seine Pflicht an die wertvolle Sammlung der Bibliothek zurückzuerobern. Sein hohes Alter schien ihn daran ebenso wenig hindern zu können, wie die Tatsache, dass sie einem übermächtigen Feind gegenüberstanden.
Amaya war die einzige Frau unter den anwesenden Rebellen. Sie war Offizierin der Luftstreitkräfte und schien, wie Vidar auch, aus einer reichen Familie zu kommen. Kerzengerade stand sie hinter dem Kommandotisch und strahlte dabei eine unerschütterliche militärische Strenge aus. Als sie Paan vorgestellt wurde, ließ sie die harte Maske für einen Moment fallen und schenkte ihm ein galantes Lächeln. Einen Augenblick später war sie wieder die unerbittliche Vorgesetzte, von der Paan sich nicht bei einem seiner Streiche hätte erwischen lassen wollen. Paavo und Akin waren Soldaten der Luftlandetruppen, die zur Zeit an der Front stationiert waren. Als der Angriff der Somarer auf Ravaan erfolgte, hatten die beiden gerade ein paar Tage Heimaturlaub bekommen, und so kam es, dass sie jetzt ebenfalls in der Stadt fest saßen. Paan hatte den Eindruck, dass die beiden ganz froh darüber waren, auch hier ihre Pflicht als Soldaten tun zu können, und nicht nur herumzusitzen und darauf zu warten, dass vielleicht irgendwann jemand kam um die Stadt zu befreien.

Nachdem die Vorstellungsrunde beendet war, wandte sich Vidar wieder an seine Mitstreiter und sagte, „so, meine Damen und Herren, da der Form nun genüge getan wurde, und wir den Anschein einer ehrenwerten Gesellschaft erweckt haben, kommen wir nun zur Gewinnausschüttung. Der Junge hat die Sicherheitstür in unter zehn Minuten geknackt, was bedeutet, dass ich unsere kleine Wette gewonnen habe. Vielen Dank für eure großzügigen Wetteinsätze, es war mir eine Freude mit euch zu spielen.“
Mit diesen Worten nahm Vidar den Beutel voll Münzen, der auf dem Tisch neben dem Daten Pad lag. Bevor er ihn in seiner Tasche verstaute, holte eine Münze heraus überreichte sie feierlich dem ungläubig schauenden Paan.
„Hier Paan, die ist für dich. Dafür, dass du meine Erwartungen erfüllt, und die der anderen sogar übertroffen hast. Bis jetzt zumindest. Die eigentliche Bewährungsprobe steht ja noch an.“
Dabei zwinkerte er Paan verschwörerisch zu. Dieser nahm die Münze in Augenschein und vergaß für einen Moment seine Nervosität.
„Aber das ist die alte Ravaan-Währung, die ist doch vollkommen wertlos“, protestierte er, worauf der hünenhafte Kerel mit einem breiten Grinsen an Vidar gewandt bemerkte:
„Tja, was sagt man dazu. Der Bengel lässt sich im Gegensatz zu uns nicht von dir übers Ohr hauen, Vidar. Ich bin gespannt wie du dich da wieder rauswindest.“
Vidar schmunzelte nur und erwiderte, „du hast Recht, Paan, sie ist vollkommen wertlos. Noch! Aber wenn wir uns erst einmal aus den Klauen unserer somarischen Peiniger befreit haben wird das alte Ravaan wieder aublühen, und dann ist diese Münze ein Vermögen wert. Und mit Vermögen meine ich mindestens zwei Flaschen feinste Kräuterlimonade.“
Während er das sagte klopfte er Paan kameradschaftlich auf die Schulter. Der setzte wieder zu einem Protest an, machte schon den Mund auf, wusste dann aber nicht was er sagen sollte. Und so klappte er seinen Mund wieder zu und begnügte sich damit empört die Arme vor der Brust zu verschränken, was wieder für allgemeine Heiterkeit unter den umstehenden Rebellen sorgte.
Dann verstummten sie urplötzlich und schauten alarmiert auf, zu der Plattform am Eingang des Kontrollzentrums. Paan brauchte einen Moment, bis er die Blicke wahrnahm, die auf einen Punkt hinter ihm gerichtet waren. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken, als ihm klar wurde, dass dort etwas Beängstigendes lauern musste. Langsam drehte er sich um.
Da stand Lily. Die Hände in die Hüfte gestemmt funkelte sie ihn bedrohlich an.
Vidar war der erste, der das Wort ergriff.
„Paan, Vielleicht möchtest du uns deine reizende Begleitung vorstellen?“
Doch bevor Paan etwas erwidern konnte, fing Lily auch schon an loszuschimpfen. Er verstand nur die ersten Sätze von dem was sie ihm an den Kopf warf. Irgendetwas von wegen wo er sich herumtreibe und was er sich eigentlich dabei dachte eine Tür aufzubrechen. Der Rest ihrer Tirade ging im erneuten Gelächter der Rebellen unter, die sich köstlich amüsierten, als Kerel anmerkte, dass ihr Neuzugang wohl rechtzeitig zum Mittagessen wieder zu Hause sein musste und sie sich mit ihrer Besprechung deshalb etwas beeilen sollten. Paan trat derweil beschämt von einem Fuß auf den anderen und wünschte sich weit weg. Bis jetzt war sein Plan nicht so aufgegangen, wie er es sich vorgestellt hatte.

Nachdem die Gemüter sich wieder beruhigt hatten, und auch Lily vorerst besänftigt werden konnte, war eine Erklärung für diesen kuriosen Auftritt angebracht. Es stellte sich heraus, dass Paans auffälliges Verhalten am Tag zuvor, Lily keine Ruhe mehr gelassen hatte. Mit einer Vorahnung, dass er etwas Außergewöhnliches, vor allem aber etwas außergewöhnlich Dummes im Schilde führte, hatte sie an diesem Morgen wach gelegen und Paans heimlichen Aufbruch gerade rechtzeitig bemerkt, um ihm folgen zu können. Sie hatte eigentlich vorgehabt, einzuschreiten, sobald er eine Torheit beging. Doch die lies lange auf sich warten. Beinahe wäre sie wieder nach Hause gegangen, wenn Paan sich nur nicht so auffällig unauffällig verhalten hätte. Und als er dann angefangen hatte sich an der Tür zu schaffen zu machen, da hatte Lily dann zu spät realisiert, dass er im Begriff war diese aufzubrechen. Ihm dann in das dunkle Loch hinab zu folgen, hatte sie einiges an Überwindung gekostet und so war sie letztendlich ein paar Minuten nach ihm hierher gelangt.

Nach dieser Geschichte schien es angemessen, zu beraten, wie es weitergehen sollte. Paan wollte unbedingt mit der Besprechung beginnen, derentwegen er hier war, und den Rebellen seinen Plan zur Reaktivierung der alten Schwebebahn zeigen. Lily dagegen wurde von Minute zu Minute nervöser, seit sie wusste, wer diese Leute waren und was sie vorhatten. Sie wollte wieder zurück nach Hause, wo sie in Sicherheit waren. Aber ohne Paan würde sie nicht gehen. Also blieb sie und redete auf ihn ein, er solle Vernunft annehmen und wenigstens warten bis er volljährig war, bevor er sein Leben in solch einem waghalsigen Unternehmen aufs Spiel setzte. Doch damit stieß sie bei Paan auf taube Ohren. Er hatte seine Entscheidung bereits getroffen und war fest entschlossen seinen Willen durchzusetzen. Da konnte sie ihn einen kindsköpfigen Dickschädel nennen so viel sie wollte.
Ihr Argument, dass die Rebellen sowieso viel zu wenige waren, um es alleine mit einer ganzen Armee weißer Soldaten aufzunehmen, wurde ausgerechnet von der einzigen anderen Frau im Raum entkräftet, die Lily in militärischer Gewissenhaftigkeit darüber aufklärte, dass sie nicht die einzige Rebellengruppierung in Ravaan waren. Sie hätten Kontakt zu zehn anderen Widerstandszellen, mit insgesamt an die neunhundert loyalen Kämpfern. Zahl steigend.
In ihrer Verzweiflung plädierte Lily schließlich dafür, dass man doch erst einmal abwarten sollte, wie die Lage sich entwickeln würde. Vielleicht war dieser ganze Alptraum ja schon bald vorbei, und es würde Frieden geschlossen werden. Schließlich würden die anderen 48 Stadtstaaten die Somarer wegen des offensichtlichen Vertragsbruchs bestimmt unter Druck setzten, sodass sie gezwungen sein würden sich zurückzuziehen.

Insgeheim glaubte Lily tatsächlich fest daran, dass sie bald wieder in ihr altes Leben zurückkehren konnten. Das Leben in dem sie Paan wegen seiner spitzbübischen Streiche tadeln würde, Tag ein, Tag aus. Das Leben in dem sie die kleinen Waisen nicht mehr so oft trösten musste, weil sie aus Angst vor den unheimlichen weißen Männern nicht schlafen konnten. Statt dessen würde sie ihnen wieder lustige Geschichten erzählen, sie würden zusammen Kuchen backen und ihre Schulaufgaben machen, damit sie eines Tages ihre Träume verwirklichen konnten. Ja, bestimmt würde bald wieder alles so sein wie früher.

Bei all dem Trubel hatte niemand bemerkt, dass wieder jemand oben auf der Plattform stand und auf die lebhaft diskutierenden Rebellen herabschaute.





Während der nervenaufreibend langen, heimlichen Verfolgungsjagd hatten sie beinahe die halbe Unterstadt durchquert. Doch schließlich sah Miikael zuerst Paan, und kurz darauf dessen Freundin in einer Gasse hinter der großen Fabrik verschwinden. Mit großen Schritten eilte er hinterher, um sie nicht aus den Augen zu verlieren. Doch als er selbst im Begriff war um die Ecke in die schmale Gasse abzubiegen, sah er plötzlich, nur wenige Meter vor sich wie das Mädchen sich gerade hinter einem Mauervorsprung versteckte. Mit einem schnellen Satz zur Seite konnte er sich gerade rechtzeitig wieder hinter die Ecke zurückziehen, bevor sie ihn mit einem Blick über die Schulter entdeckt hätte. Ungeschickterweise landete er dabei mit einem saftigen Platscher in einer Pfütze. Ohne zu zögern rannte er blitzschnell noch ein paar Schritte weiter und versteckte sich in einem Treppenaufgang.
Doch weder Paan noch dessen Freundin schienen seinen Fehltritt gehört zu haben, denn niemand kam, um nachzusehen. Er wartete noch einige Augenblicke und schlich dann wieder zu der Ecke. Als er diesmal in die Gasse spähte war niemand mehr zu sehen. Ganz vorsichtig ging er bis zu der Stelle an der das Mädchen vorher gestanden hatte, doch auch von dort aus konnte er nichts entdecken. Leise vor sich hin fluchend trat er aus seinem Versteck und sah sich um. Die Tatsache, dass keiner der beiden mehr hier war, konnte entweder bedeuten, dass sie ihm entwischt waren, oder dass Paan gefunden hatte, wonach er in dieser erbärmlichen Gegend gesucht hatte und seine Freundin ihm gefolgt war. Da Ersteres bedeutet hätte, dass er seine Verfolgung aufgeben müsste, ging er in Gedanken die Möglichkeiten durch, die zu Letzterem führen konnten. Er sah sich sehr sorgfältig in der Gasse um, damit ihm ja keine Spur, kein noch so kleiner Hinweis entging.
Das erste, was Miikael bemerkte, war der Hintereingang, der eine Hand breit offen stand. Zwar war Miikael der Meinung, dass offene Türen keine besondere Bedeutung haben konnten, sonst wären sie nicht offen. Doch außer Dampf, Rohren, Pfützen und Dreck gab es hier sonst nichts, was ihm weitergeholfen hätte. Also näherte sich Miikael der Hintertür und spähte vorsichtig durch den Spalt. Drinnen war es noch dunkler als in der Gasse und alles was er hörte, war ein durchdringendes Summen, wie ein Schwarm aufgebrachter Hornissen. Er öffnete die Tür etwas weiter und schlüpfte hinein. Vor ihm lag eine steil abwärts führende Treppe. Stufe für Stufe ging er hinunter, immer darauf bedacht kein Geräusch zu machen, auch wenn das immer näher kommende Summen es vielleicht übertönt hätte. Unten angekommen fand er sich am Ende eines langen Stegs wieder, der einen Raum überspannte mit mächtigen Stream Generatoren, der Quelle des tiefen, surrenden Tones. Miikael wurde plötzlich klar, dass er sich hier auf dem schmalen Steg nirgends verstecken konnte, wenn jemand vor ihm auftauchen würde. Schnell überlegte er, was er in diesem Fall tun sollte.
Aber letztendlich gab es für Miikael jetzt kein Zurück mehr. Sich zurückzuziehen würde dem Eingeständnis einer Niederlage gleichkommen, und das kam für ihn nicht in Frage. Schließlich bestand die Möglichkeit, dass hinter Paans verdächtig langem Streifzug hinunter in die Industrieanlagen der Unterstadt eine größere Sache steckte, als seine kleinen Schwarzmarktgeschäfte.
Und wenn dem so war, bestand durchaus die Chance, dass Miikael seinem Traum heute wieder ein kleines Stück näher kam. Also ging er weiter.
Niemand entdeckte ihn, niemand hielt ihn auf. Dann erreichte er das Ende des Stegs und trat auf eine Plattform, die in einen weiteren Raum mündete. Er sah die unten versammelte Gruppe, bevor sie ihn sahen und so duckte er sich schnell um nicht entdeckt zu werden. Vorsichtig schielte er über den Rand der Plattform nach unten. Dort waren Paan und seine Freundin, zusammen mit einigen anderen, die er noch nie zuvor gesehen hatte. Sie waren in eine angeregte Diskussion vertieft. Miikael lauschte. Schon nach einigen Sätzen konnte er sich ein ungefähres Bild machen von dem, was hier vor sich ging. Und was er da hörte, ließ sein Herz schneller schlagen.
Ganz langsam zog er den kleinen weißen Kommunikator, den man ihm anvertraut hatte, aus seiner Tasche und drückte den Knopf, der das Ortungssignal senden würde.

Als Miikael Paan auf dem Platz vor der Markthalle in ein Gespräch verwickelt hatte, hatte er eigentlich nur erreichen wollen, dass Paan über seinen illegalen Handel redete. Das Gespräch hätte Miikael mit seinem Kommunikator aufgezeichnet, um Paan denunzieren zu können. Das hätte ihm bestimmt einiges Ansehen bei seinen neuen Vorgesetzten gebracht und damit wäre er seinem Ziel wieder ein Stück näher gewesen.
Doch das hier war noch viel besser. Eine echte Rebellion! Und Paan mittendrin!

Der Sender war aktiviert, nur noch wenige Minuten, dann würde er triumphierend über seinem Rivalen stehen. Miikael atmete noch einmal tief durch. Wie konnte er diesen entscheidenden Moment am besten für seine Zwecke ausnutzen, ihn voll und ganz auskosten?
So wie den teuren Wein, den er damals dem alten reisenden Händler in seinem Viertel gestohlen hatte. Die anderen Jungs hatten nur mit großen Augen dagestanden und zugesehen, wie er die Flaschen ganz alleine geleert hatte. Nur einer von ihnen hatte es gewagt, ihn zu fragen, ob er auch einen Schluck abbekäme. Miikael hatte ihm daraufhin mit der leeren Flasche ein paar Zähne ausgeschlagen. Er teilte seinen Triumph mit niemandem. So war er zu dem Ruf gekommen, ein Kerl zu sein, mit dem man sich besser nicht anlegte. Und das gefiel ihm.
So musste es jetzt wieder laufen. Vor allem aber sollte Paan wissen, wer ihm den letzten Stoß versetzt hatte. Miikael blieb nicht mehr viel Zeit, gleich würden die Somarer hier sein. Langsam richtete er sich auf, trat an den Rand der Plattform und sah auf die Rebellen herunter. Doch niemand schien ihn zu bemerken.
Rasender Zorn stieg in ihm auf. Wie konnten sie es wagen ihn zu ignorieren. Hinter sich hörte er bereits schnelle Schritte die Treppe heruntereilen.
Dann waren die Soldaten auf dem Steg, hatten den Generatorraum zur Hälfte durchquert und noch immer hatte keiner der Rebellen von ihm Notiz genommen.
Er holte tief Luft und dann rief er, so laut er konnte.
„Jetzt seid ihr dran! Wir machen euch fertig!“
In Miikaels Stimme schwang deutlich der Triumph mit, den er empfand, als die somarischen Soldaten an ihm vorbei stürmten. Bald schon würde auch er eine weiß glänzende Rüstung tragen. Er würde dieser unbesiegbaren Übermacht angehören, ein Teil von ihr sein. Sie benutzen.

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