SOMAR //Kapitel 1





Kapitel 1


Der Abend an dem sich alles änderte.



Mit abwesendem Blick, und tiefen Denkfalten auf der Stirn schlenderte Paan die große Unterstadtstraße Ravaans entlang. Um ihn herum liefen die Vorbereitungen für das große Fest auf Hochtouren. Luftschiffe aller Größen und Bauarten surrten über und unter ihm durch die tiefe Schluchtstadt wie fleißige Bienen und brachten Waren und Material zu den Handwerkern und Kaufleuten, die überall ihre Stände aufschlugen. Menschen riefen laut durcheinander, eilten von hier nach dort, beladen mit allerlei buntem Festtagsschmuck für die vielen hohen Fassaden der Häuser, die sich auf beiden Seiten des Abgrunds an die Felswände schmiegten.

Von all dem bekam Paan jedoch im Moment rein gar nichts mit. Angestrengt ging er im Kopf noch einmal seinen Plan durch, hatte er sich auch wirklich nicht verrechnet? Waren die neuen StreamPack Bauteile vielleicht doch etwas zu teuer gewesen? Rechnen gehörte nicht gerade zu seinen Stärken. Sollte sein verbliebenes Taschengeld am Ende etwa doch nicht mehr ausreichen, für die köstlichen Leckereien der Süßigkeitenverkäufer? Nicht auszudenken, wenn er drei Festtage lang durch die vom Duft der exotischen Leckereien durchströmten Straßen streunen musste, ohne sich zumindest ein paar der Köstlichkeiten kaufen zu können! Andererseits war es auch nie eine seiner Stärken gewesen, sich an gewisse Regeln zu halten, die in seinen Augen nicht so ganz gerecht waren, schon gar nicht für einen Waisenjungen wie ihn. Daher beschloss er kurzum für den Fall, dass ihm sein Geld tatsächlich ausgehen sollte, sich auf anderem Wege der feinen Leckereien zu bemächtigen. Das wiederum war definitiv eine seiner großen Stärken. Manchmal waren seine Hände so flink, dass er selbst nicht wusste, wie die süßen reifen Früchte von den Auslagen der Obsthändler in seine Taschen gelangten. Leider geriet er dadurch nicht selten in peinliche Erklärungsnot, wenn er dann nach Hause kam und Lily ihn erwischte, die Taschen prall gefüllt mit Dingen, die er sich eigentlich nicht leisten konnte. Sie führte sich dann immer so auf als sei sie seine große Schwester, dabei war sie einfach nur zwei Jahre älter als er. Überhaupt führte sie sich manchmal so auf als sei sie die große Schwester von jedem einzelnen der vierundzwanzig Waisenkinder in ihrem Heim.
Dabei war sie erst vor vier Jahren in ihr Waisenhaus gekommen. Paan dagegen war schon so lange dort, dass er sich an die Zeit davor kaum mehr erinnern konnte. Seine Eltern waren beide bei der Armee gewesen und aus der großen „Freiheitsschlacht“ vor elf Jahren nicht zurückgekehrt. Nach dieser Schlacht hatte zwar die Ausbeutung und die Unterdrückung durch die Oberherrschaft der feindlichen Imalischen Republik ein Ende gehabt. Doch er hatte plötzlich alleine dagestanden. Ein Waisenkind unter vielen, deren Eltern für etwas gekämpft hatten, das sie doch nicht mehr erleben sollten.

Aber er kam auch sehr gut alleine zu recht. Und das lag nicht nur an besagter Fertigkeit im Beschaffen von Dingen, von denen andere sowieso zu viele hatten, und die er viel besser brauchen konnte. Mit der Zeit hatte er auch eine gewisse Begabung beim Umbau von StreamPacks entwickelt. Schon früh hatte er mit den allgegenwärtigen tragbaren Energiespeichern herumexperimentiert, die in allen erdenklichen Größen zu haben waren und den Strombedarf des einfachen Bürgers ebenso deckten, wie den der mächtigen Luftschiffe und Industriemaschinen. Und bald hatte er verstanden, dass man eine Menge mit diesen Batterien anstellen konnte, wenn man sie ein wenig umbaute und verbesserte. Inzwischen war er so gut darin, dass er aus einem billigen StreamPack und einigen modifizierten Bauteilen einen Energiespeicher bauen konnte, dessen Leistung es locker mit den teuren Modellen der reichen Leute und Aristokraten aus der Oberstadt aufnehmen konnte. Leider waren seine Eigenkreationen aber nicht immer ganz zuverlässig und versagten mitunter auch mal den Dienst. Manchmal mit unangenehmen Nebenwirkungen. Paan hatte deshalb schon den einen oder anderen Stromschlag wegstecken müssen. Und dummerweise hatte das wohl mal jemand mitbekommen und herumerzählt, sodass ihm kaum jemand seine modifizierten StreamPacks abkaufen wollte.
Umso ehrgeiziger verfolgte Paan jedoch sein Ziel irgendwann einmal genug mit seiner technischen Begabung zu verdienen, um sich ein eigenes Haus in der prächtigen Oberstadt kaufen zu können, groß genug für sich und die anderen Waisenkinder aus seinem Heim. Und ein Luftschiff. Ein richtig schnelles, mit dem er auf große Entdeckungsreisen gehen konnte und trotzdem rechtzeitig zum Abendessen wieder zu Hause war, damit Lily sich nicht so aufregen musste, weil er schon wieder zu spät kam.
Doch da war noch ein größeres Hindernis als streikende Eigenbau-StreamPacks, das seine Zukunftspläne bedrohte. Es gab in Ravaan ein Gesetz, das die Zukunft aller Waisenkinder der Stadt bestimmte, sie in Schubladen steckte und nicht wieder heraus ließ. Diejenigen unter ihnen, die es bis zu ihrem Schulabschluss unter die drei Klassenbesten schafften hatten noch Glück. Sie bekamen ein Stipendium und durften ein Studium absolvieren, mit dem ihnen ein beruflicher und sozialer Aufstieg so gut wie sicher war. Für alle anderen galt es vor dem 17. Lebensjahr eine Anstellung zu finden, zum Beispiel bei einem der Handwerker oder Kaufleute, der dann für sie bürgte und sie ausbildete.
Doch obwohl die Leute in seinem Viertel über viele von Paans Streichen schmunzelten und ihn eigentlich doch ganz gern hatten, hatte sich bis jetzt niemand bereit erklärt den frechen Jungen bei sich aufzunehmen und ihn einen Beruf zu lehren, der ihm gefallen hätte. Und wenn sich daran in den nächsten drei Jahren nichts änderte - was eher unwahrscheinlich war - würde er wohl oder übel zu denen gehören, die nach der Schule übrig blieben. Und diese Übriggebliebenen wurden dazu verdonnert in den Dienst der Armee zu treten. Die reinste Zwangsrekrutierung. Erst in die Militärakademie und dann ab an die Front! In einem der zahlreichen sinnlosen Eroberungskriege sein Leben aufs Spiel setzen. Und wofür? Damit den besiegten Feinden Reparationszahlungen abgepresst, Ressourcen ausgebeutet und ihre Wirtschaft angezapft werden konnte. Um sie zu unterwerfen und zu kontrollieren. So lange, bis die Unterdrückten sich entweder aus eigener Kraft von ihren Besatzern befreiten, oder einfach von der nächsten Nation erobert wurden. So war es schon immer gewesen. Alleine Paans Heimat, die Schluchtstadt Ravaan, war in den letzten hundert Jahren sieben Mal von feindlichen Mächten besetzt und anschließend wieder befreit worden, und hatte ihrerseits sechzehn Städte erobert und wieder verloren. Vor vier Jahren war die siebzehnte Stadt erfolgreich eingenommen worden und trug seither unfreiwillig zum Reichtum Ravaans bei. Die Frage war nur, wie lange noch?





Immerhin bestand seit dreißig Jahren ein weitreichendes Abkommen zwischen den 49 rivalisierenden Stadtstaaten des Kontinents, das den immerwährenden Krieg in geregeltere Bahnen lenken sollte. Seither war es gesetzwidrig die Kämpfe in den Städten, oder auch nur in deren Nähe auszutragen. Stattdessen begegneten sich die verfeindeten Streitmächte nun auf neutralem Boden. Irgendwo auf halber Strecke zwischen der eigenen Heimat und der des Feindes fuhren sie ihre Luftschiff Flotten auf und hetzten ihre Bodentruppen aufeinander, bis einer von beiden die militärische Niederlage eingestehen und kapitulieren musste. Dann ging die Ausbeutung los. Wer gegen die Vereinbarung verstieß, musste mit der Vergeltung der anderen 48 Stadtstaaten rechnen, weshalb das Abkommen auch „48er Konvention“ genannt wurde.
Den Anstoß zu dieser Konvention hatte überraschender Weise die unabhängige Republik Somar gegeben, die sich sonst stets neutral verhielt, sich nie in die Kämpfe zwischen den 49 anderen Nationen eingemischt hatte, und auch selbst nie Ziel eines Angriffs war.
Die Somarer waren seit jeher eine friedliche Hochkultur, die sich um nichts kümmerte, als Wissenschaft und Fortschritt. Und seit dem Abschluss der Konvention hatte man auch kaum mehr etwas von ihnen gehört. Sie waren wieder in die friedliche Isolation ihrer fernen weißen Stadt zurückgekehrt, wo man sie dann auch nicht weiter mit den schmutzigen Angelegenheiten der restlichen Welt behelligte.

Das Leben in den Städten war mit dem Abkommen zwar angenehmer und beschaulicher geworden, da die immense Militärpräsenz, die früher das Bild der Städte geprägt hatte, in weite Ferne gerückt war und die Zivilbevölkerung keinen Angriff feindlicher Mächte mehr fürchten musste. Auf der anderen Seite waren die Stadtstaaten aber auch eine wesentlich ertragreichere Beute geworden, da dem Gewinner einer Auseinandersetzung nun eine intakte Stadt, samt funktionierender Infrastruktur und blühender Wirtschaft in die Hände fiel, wie eine reife Frucht, bereit die leeren Kriegskassen wieder zu füllen. Am Ende waren es dann doch wieder die einfachen Leute, die die Last des Krieges auf ihren Schultern trugen.





Das alles war Paan zuwider, er liebte sein unbeschwertes Waisendasein, wollte in keine Konflikte hineingezogen werden, die ihn gar nichts angingen. Und er hatte einen Plan: Wenn er nur genügend Unsinn anstellte und seinen Ungehorsam weiterhin gut pflegte, würde man schon irgendwann einsehen, dass er als Soldat völlig ungeeignet war und auf einer Militärakademie, geschweige denn einem Schlachtschiff, nichts verloren hatte. Ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg dieses Planes war ein tollkühner Streich, den er für die Luftschiffparade am Abend des ersten Festtages geplant hatte. Und das war schon morgen. Die Vormittagssonne hatte sich inzwischen so hoch geschoben, dass ihre Strahlen bereits die ersten Unterstadtstraßen streiften und bis zum Waisenhaus waren es noch ein paar Blöcke. Paan beschleunigte seine Schritte.

Das sechsstöckige Waisenhaus gehörte zu den weniger heruntergekommenen seiner Art, was wohl nicht zuletzt der strengen Hand der überaus ordnungsliebenden Heimvorsteherin Frau Difuur zu verdanken war.
Die Wohnung der Vorsteherin befand sich im Erdgeschoss, Küche und Speisesaal im Stockwerk darüber. Die Schlafsäle der Kinder und die Waschräume waren in den vier oberen Etagen untergebracht. Paan hatte ein Einzelzimmer unter dem Dach. Das war zwar an sich eine feine Sache, machte es aber etwas schwierig unbemerkt ein- und auszugehen, da er dazu die Treppe hinauf, beziehungsweise hinunter durch sämtliche Stockwerke schleichen musste. Das hieß vorbei an der meist weit offen stehenden Eingangstüre zu Frau Difuurs Wohnung im Erdgeschoss, vorbei an der Küche, wo die dicke Köchin scheinbar rund um die Uhr leise murmelnd vor sich hin werkelte und natürlich vorbei an dem Zimmer im fünften Stock, in dem Lily wohnte. Diese besaß das außergewöhnliche Talent, wie aus dem Nichts vor ihm aufzutauchen, wenn es ihm gerade beinahe gelungen war unbehelligt bis zu seinem Zimmer zu kommen. Sie hatte dann immer die Hände in die Hüften gestemmt und sah ihn mit liebevoll tadelndem Blick an, während sie leicht den Kopf schüttelte.
Irgendwie mochte er diese Geste an ihr. Dann fühlte er sich erst so richtig zu Hause angekommen, und es gehörte irgendwie dazu, war fast schon ein Ritual geworden. Paan erzählte ihr dann meist von seinen Lausbuben Abenteuern, die er den Tag über erlebt hatte, auch wenn es bereits spät am Abend war. Das ging dann so lange bis sie ihn mit einem tadelnden Klaps auf die Stirn ins Bett schickte, aber nicht bevor sie ihm mit einem Augenzwinkern noch das halbherzige Versprechen abgerungen hatte sich in Zukunft etwas besser zu benehmen.





Dazu kam es dieses Mal erst gar nicht. Lily fing ihn schon auf Höhe der Küche ab, wo sie der dicken Köchin gerade beim Zubereiten des Mittagessens half.
„Paaaaaaan? Du hattest doch nicht etwa vor, dich vor deinem Küchendienst zu drücken, oder?“
 Den hatte er ganz vergessen. Stundenlanges Gemüse waschen, schneiden, kochen und das schlimmste von allem: Abwaschen. Dafür hatte er jetzt wirklich keine Zeit.
„Äh, also.... nein?“
Das war nicht sehr überzeugend gewesen. Flink wie ein Wiesel huschte er knapp an ihr vorbei, bevor sie ihn am Ärmel festhalten konnte und eilte in Windeseile die ersten Stufen hinauf.
„He, du kleiner Rotzlöffel!“ hörte er sie hinter sich noch rufen, kurz bevor der Kochlöffel, den sie in der Hand gehabt hatte, dicht an seinem Ohr vorbei gegen die Wand flog.
„Ich hol‘s ein andermal nach, Ehrenwort!“
Ein wenig außer Atem schloss er einige Sekunden später seine Zimmertüre hinter sich ab, warf seine Taschen auf den Arbeitstisch vor dem Fenster und ließ sich auf den leicht federnden Stuhl fallen. Vor ihm tanzten hunderte von Staubpartikeln in dem einsamen Sonnenstrahl, der durch das Dachfenster fiel.
„Haaatschi!“ Es war schon Herausforderung genug gewesen, all die Gerätschaften und Bauteile zu beschaffen, die sich um ihn herum teilweise bis unter die Decke stapelten. Das ganze Zeug auch noch sauber zu halten wäre eindeutig zu viel verlangt. Er schob ein paar ausgediente Kleinteile vom Tisch, die leise klimpernd zu Boden fielen. Eines der StreamPacks an seinem Gürtel blinkte aufgeregt und ein Blick auf die Ladeanzeige bestätigte ihm, dass es beinahe leer war. Normalerweise müsste er es, wie alle anderen hier, an den einzigen Stream-Generator im Haus anschließen, um es wieder aufzuladen. Doch Paan hatte sich vor einiger Zeit eine eigene kleine Brennstoffzelle gebaut, und so stöpselte das leere StreamPack einfach an eines der Ladekabel an, die zu dem leise summenden Apparat unter seinem Tisch führten.
Das grelle Licht der Mittagssonne zeichnete dunkle Schatten auf seinem Arbeitsplatz. Paan schloss noch eine Arbeitsleuchte an eines seiner voll geladenen StreamPacks an, um besser arbeiten zu können. Dann öffnete er seine Taschen, breitete behutsam den morgendlichen Einkauf vor sich aus und machte sich ans Werk. Was er morgen vorhatte war auch für ihn noch Neuland: Ein ferngesteuertes Stream-Feuerwerk!
Es war ja nicht so, dass die abendliche Luftschiffparade morgen in irgendeiner Form langweilig zu werden drohte. Im Gegenteil, für ihn war es der Höhepunkt des dreitägigen Festes, die bunt beleuchteten und geschmückten Schiffe auf einem Fluss aus Licht durch die Schlucht gleiten zu sehen. Aber was würden die Leute erst sagen, wenn er das ganze Spektakel noch mit einem gleißenden Feuerwerk in allen nur erdenklichen Farben krönte? Damit würde sein Name ganz sicher unauslöschlich in die Annalen der Lausbuben-Geschichte eingehen. Dann hieß es Adieu Militärkarriere! Es musste einfach funktionieren.

Die Aufgabe, die er sich gestellt hatte, entpuppte sich dann allerdings doch als wider Erwarten knifflig. Und so war es bereits früher Abend, als Paan mit einem erleichterten Seufzer sein Werkzeug beiseite legte und seine fertige Arbeit betrachtete. Vor ihm lagen neun unscheinbare zylindrische Päckchen, in denen eine geballte Stream-Kraft schlummerte, die nur darauf wartete durch Betätigung des kleinen Knopfes auf seinem Fernzünder in das atemberaubendste Feuerwerk verwandelt zu werden, das diese Stadt je gesehen hatte. Eigentlich hatten es zwölf Feuerwerkskörper werden sollen, aber die Zeit rannte ihm davon. Schließlich wollten die Dinger heute noch in Position gebracht werden. Wo er sie verstecken würde, hatte er in den letzten Tagen bereits ausgekundschaftet und so packte er die neun Päckchen vorsichtig in seine Taschen, zog noch eine Jacke an gegen den kühlen Abendwind, und steckte das inzwischen wieder voll geladene StreamPack in das Halfter an seinem Gürtel. Bereit los zu ziehen kletterte er auf seinen Arbeitstisch und machte das Fenster auf. Diesmal würde er nicht versuchen durch die Vordertüre hinaus zu schleichen, zu groß war jetzt die Gefahr erwischt zu werden. Vom Fenstersims aus warf er einen prüfenden Blick nach unten. Die Luft war rein. Unter ihm lag die Dachterrasse des fünften Stocks, wo die zum Trocknen aufgehängte Wäsche sanft im Wind flatterte. Vorsichtig ließ er sich rückwärts über den Rand des Dachfensters gleiten, baumelte einen Moment später an der Dachkante und ließ sich das letzte kurze Stück auf den Terrassenboden fallen. Dort verharrte er ein paar Sekunden geduckt und lauschte. Niemand schien ihn gehört zu haben. Auf leisen Sohlen schlich er bis zur Brüstung vor, wo er sich daran machte die steile Feuerleiter an der Seite des Gebäudes herunter zu klettern. Aus den Fenstern des Speisesaals im zweiten Stock drang warmes Licht und er hielt kurz inne um hineinzuspähen. Lily und vier der kleineren Waisenkinder deckten gerade die Tische für das Abendessen. Er würde heute wohl hungrig zu Bett gehen müssen. Wieder einmal. Plötzlich drehte sich Lily um und sah für einen Moment in seine Richtung, Paan duckte sich ruckartig unter das Fensterbrett und wäre dabei fast von der Leiter gerutscht. Hatte sie ihn gesehen? Mit bis zum Hals klopfendem Herzen blieb er regungslos auf der Leitersprosse sitzen. Eine Sekunde verging. Drei Sekunden... Fünf... Zehn. Nichts passierte. Das war knapp. Er atmete tief durch, stieg die letzten Meter hinunter, bis er den sicheren Boden der kleinen Seitenstraße unter den Füßen spürte.





Anderthalb Stunden später waren bereits acht der neun Feuerwerkskörper mit reichlich Klebeband an Balkonen, Straßenlaternen, Fassaden und Brücken fixiert, von wo aus sie morgen den Himmel über den Feiernden erleuchten würden. Seine Tour hatte ihn auf einem Rundweg durch drei der nobelsten Oberstadtbezirke rings um den monumentalen Regierungspalast geführt, der sich in der Mitte der zentralen Gabelung der Schlucht von Ravaan erhob. Hier vereinten sich zwei aus Nordwesten und Nordosten kommende Flüsse zu einem großen Strom, der sich dann weiter in Richtung Süden durch das steile Tal schlängelte.
Niemand hatte sich daran gestört, dass Paan sich geschäftig an Straßenlaternen, Brücken und der gleichen zu schaffen gemacht hatte, als er die Päckchen platzierte. Er war schließlich nicht der einzige gewesen: Überall standen Menschen auf Leitern und Gerüsten um die letzten Dekorationen und bunten Lampions für das Fest aufzuhängen.
Zu Ausflügen wie diesem, die ihn in die reichen Viertel Ravaans führten, hatte Paan sonst nur selten Gelegenheit. Für gewöhnlich war die prächtige Oberstadt für Bewohner aus den unteren Stadtteilen nicht zugänglich. Die wohlhabenderen Bürger der oberen Bezirke bevorzugten den Umgang mit Ihresgleichen und sahen es nicht gerne, wenn die niederen Leute sich in ihrem Teil der Stadt aufhielten. Und so war Unterstädtern der Zutritt meist versagt. Für die Einhaltung dieses ungeschriebenen Gesetzes sorgte eine der letzten in der Stadt verbliebenen Einheiten des Militärs, die sogenannten Steigwächter. Hier dienten hauptsächlich strafversetzte oder ausgemusterte Soldaten, die an der fernen Front nicht mehr gebraucht wurden, weil sie zu alt waren. Einige Soldaten, die keine eigene Familie hatten, besserten während des Heimaturlaubs mit dem Dienst in der Steigwache auch einfach nur ihren Sold auf.
In der Woche, in der das große Fest stattfand, wurden die gesellschaftlichen Schranken jedoch aufgehoben und jedem Bürger war es erlaubt durch die prachtvolle Oberstadt zu flanieren und die teuren Einkaufsstraßen zu bewundern. Von der Warenvielfalt hier konnte man in der Unterstadt nur träumen. Und natürlich durfte man auch die große Parade von hier aus mit verfolgen, zum Beispiel in den großzügig angelegten Plätzen und Parks, die sich beiderseits der Schlucht an die Felswände schmiegten.
Für Paan war das ein weiterer Grund, warum das Fest der Höhepunkt des Jahres war. Zwar war es ihm schon manches Mal gelungen sich auf versteckten Zugängen an den Wachen vorbei in die Oberstadt zu schleichen, doch konnte er solche Ausflüge nie wirklich genießen, da er ständig fürchten musste, erwischt zu werden. Das war ihm schon dreimal passiert, doch bisher hatte er jedes Mal Glück im Unglück gehabt, waren die alten Wachsoldaten doch nachsichtig mit ihm gewesen und hatten ihn wieder laufen lassen.

Nun befand er sich gerade auf dem Weg zum neunten und letzten Versteck, das er für seinen verbliebenen Feuerwerkskörper ausgekundschaftet hatte, um nach dessen Platzierung wieder den Heimweg anzutreten. Als er an einer langen Reihe von Verkaufsständen der feinen Händler aus den naheliegenden Kaufhäusern entlang lief und schließlich bei einem edlen Spirituosenhändler in eine schmale Seitengasse abbog, sah er dort eine Gruppe von Halbstarken, die geheimnistuerisch in einem kleinen Kreis zusammen standen und leise über irgendetwas lachten. Sie waren etwa in Paans Alter, genaueres konnte er in dem schwachen Dämmerlicht nicht erkennen. Einer der Jungen bemerkte ihn und flüsterte seinen Kameraden etwas zu, die daraufhin abrupt verstummten. Eine Gestalt löste sich daraufhin aus ihrer Mitte und trat langsam auf Paan zu. Als der schließlich erkannte, wem er da gegenüberstand, spannten sich seine Nackenmuskeln an. So unauffällig wie möglich ließ er den letzten Feuerwerkskörper hinter seinem Rücken fallen, und kickte ihn mit dem Fuß unter den Spirituosenstand neben ihm, wo er unter einigen Kisten Bendiinischen Weins verschwand. Miikael war der Name des großgewachsenen Jungen, der jetzt mit einem herausfordernden Grinsen vor ihm stand. Genau wie Paan war auch Miikael ein Waisenjunge, allerdings waren seine Eltern wesentlich wohlhabender gewesen, wie er auch gerne betonte. Das Heim in dem er wohnte lag hier in diesem Viertel der Oberstadt, was Miikael aber nicht daran hinderte, ab und an durch die Unterstadt zu ziehen, und die dortigen Waisenkinder zu schikanieren. Natürlich immer in Begleitung seiner Bande ihm treu ergebener Raufbolde, die jetzt hinter ihm Stellung bezogen und gespannt abwarteten was als nächstes passieren würde.
„Oh schaut mal wer uns da besuchen kommt! Wie unhöflich, so ganz ohne Einladung. Na, Paan, was treibt dich wohl hierher, in unser schönes Viertel? Läufst du vielleicht vor den Beamten der Rekrutierungsbehörde davon? Kann das sein? Dabei holen sie dich doch frühestens in drei Jahren, du kleiner Pimpf. Aber wenn du Angst hast, kannst du dich gerne bei uns verstecken. Gleich hier unter meinem Stiefel, da ist noch Platz für dich. Hab ich Recht Jungs?“
Schallendes Gelächter aus der zweiten Reihe.
„Wobei, wenn ich es recht bedenke, werden sie da wohl zu allererst nach dir suchen. Ist nämlich sowas wie dein natürlicher Lebensraum, Paan. Unter meinem Stiefel!“
Er machte drohend ein Schritt in Paans Richtung.
„Pass auf, und ich verrat dir noch was: Wenn ich nächstes Jahr in die Militärakademie einberufen werde, dann mach ich Karriere bei den Luftstreitkräften. Wirst schon sehn, es geht nicht lange und sie machen mich zum Offizier. Und wenn sie dich dann anschleppen in drei Jahren, dann wirst du meinem Befehl unterstehen und alles tun was ich dir sage. Paan, hast du schonmal die Mannschafts-Toiletten auf einem Luftschiff geputzt? Ich hab gehört das is‘ ne ziemliche Sauerei, wenn so ein Schiff durch einen Sturm fliegt, mit all den Turbulenzen und so, dann kommt echt alles wieder die Rohre hochgesprudelt.“
Paan legte nachdenklich den Kopf schief.
 „Hm, echt alles? Schade. Dabei hatte ich mir gerade vorgenommen, dich in eine Kloschüssel zu stecken und auf nimmer wiedersehn runterzuspülen.“
Schon während Paan diesen Satz sagte, wusste er, dass es keine gute Idee war. Miikael war zwei Jahre älter und deutlich stärker als er. Ganz zu schweigen von seinen Kumpanen, die sich schon darauf freuten Paan gleich eine gründliche Abreibung zu verpassen. Schon hatte sein Gegenüber die Fäuste geballt, und machte noch einen großen Schritt auf ihn zu. Die anderen Jungen begannen zu beiden Seiten der Gasse um Paan herum zu gehen, um ihm den Fluchtweg zurück zur großen Einkaufsstraße abzuschneiden. Wenn er hier heil wieder raus kommen wollte, war jetzt der richtige Moment. Er wirbelte auf der Stelle herum, machte einen schnellen Schritt in Richtung der gerade noch offenen Fluchtmöglichkeit hinter ihm. Schon preschten Miikaels Schergen vor um ihm den Weg zu versperren. Aber genau das hatte Paan beabsichtigt. Er machte wieder eine Drehung um die eigene Achse und sprang jetzt auf den etwas überraschten Miikael zu. Doch der holte bereits mit seiner kräftigen Rechten zum Schlag aus. Im aller letzten Augenblick tauchte Paan unter der heranfliegenden Faust hindurch, und war gerade im Begriff mit einem schnellen Sprint seine Flucht nach vorne zu vollenden, als ihn etwas hart an der rechten Wange traf. Miikael hatte sich blitzschnell umgedreht, als er bemerkt hatte, dass sein erster Schlag ins Leere gehen würde, und Paan mit einem gut platzierten Rückhandschlag seiner Linken erwischt. Der stolperte nun leicht benommen gegen die nahe Hauswand, fing den drohenden Sturz gerade noch mit den Händen ab, rappelte sich wieder auf und stieß sich mit aller Kraft weg. Gerade rechtzeitig, um nicht von Miikaels weit ausgeholtem Tritt an die Mauer geschmettert zu werden. Der traf stattdessen auf kalten, harten Stein. Paan biss die Zähne zusammen und rannte, was seine Beine hergaben, während er versuchte das dumpfe Pochen in seiner Wange so gut wie möglich zu ignorieren. Hinter sich hörte er nur noch Miikaels wütenden Schrei, wagte aber nicht sich umzuschauen, um zu sehen, wie sein Widersacher auf einem Bein hüpfend versuchte seinen Stiefel von dem höllisch schmerzenden Fuß zu ziehen.





Erst als er das Ende der langen Treppe zur Unterstadt erreicht hatte, und sicher war, das er nicht mehr verfolgt wurde, traute er sich eine kurze Pause einzulegen. Nachdem sich sein rasender Atem wieder etwas beruhigt und das Seitenstechen ein wenig nachgelassen hatte, setzte er sich wieder in Bewegung.
Einige Minuten später, er kletterte gerade langsam die Feuerleiter des Waisenhauses hinauf, fiel ihm plötzlich sein letzter Feuerwerkskörper wieder ein, der noch immer unter den Weinkisten des Spirituosenhändlers lag. Den wieder zu bekommen konnte er sich wohl abschminken. Der Hochbetrieb, der dort morgen an dem Stand zu erwarten war, machte es schier unmöglich, unbemerkt dort herumzukriechen und nach dem verlorenen Päckchen zu suchen. Naja, es hätte auch schlimmer kommen können. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn Miikael den Feuerwerkskörper in die Finger bekommen hätte. Er durfte nur nicht vergessen, gleich wenn er wieder oben in seinem Zimmer war, in seinem Fernzünder die Sendefrequenz dieses letzten Feuerwerkskörpers zu deaktivieren. Wenn der morgen zeitgleich mit den anderen hochginge, würde er für den Rest seines Lebens Hausarrest bekommen. Mindestens.
Müde und erschöpft zog er sich die letzten Sprossen zur Dachterrasse hoch.
„Hallo Paaaaaan.“
Vor Schreck wäre er beinahe von der Brüstung gesprungen. In dem stetig dunkler werdenden Dämmerlicht hatte er nicht bemerkt, dass Lily nur ein paar Meter weiter auf der breiten Balustrade saß und ihn herausfordernd musterte. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Hätte er sich aber auch denken können.
„Dann hab ich mir das vorher tatsächlich nicht nur eingebildet, du bist doch echt die Feuerleiter runter, als ich im Speisesaal war, und dann ab und davon. Wie oft hast du das schon gemacht, ohne dass es jemand mitbekommen hat, hä?“
„Och, also eigentlich...“
„Was hast du denn da an der Backe? Ist das Blut?“
„Was? Oh...“
In der ganzen Aufregung war ihm gar nicht aufgefallen, dass ihm ein kleines rotes Rinnsal übers Gesicht gelaufen war und ein paar dunkle Flecken auf seiner Jacke hinterlassen hatte.
„Das ist ja eine Platzwunde! Wo hast du dich denn wieder rumgetrieben, Paan? Komm, das muss versorgt werden.“
„Aber nicht zu Frau Difuur! Die lässt mich sonst morgen bestimmt nicht aufs Fest. Bitte, Lily.“
Sie zwinkerte ihm zu.
„Keine Sorge, du kleiner Angsthase. Das bekommen wir schon selber wieder hin. Ich hab noch ein bisschen Verbandszeug in meinem Zimmer, da wird sich was Passendes finden.“
„Aber nichts zu Auffälliges, ja? Muss nicht jeder sehen, dass ich eine abbekommen hab. Sonst fragen alle und das nervt total.“
„Na du bist mir ja ein anspruchsvoller Patient. Soll ich dir vielleicht noch ein Glas Saft bringen?“
„Au ja!“
Patsch! Sie verpasste ihm einen Klaps auf die Stirn.
„He, Vorsicht, ich bin verwundet!“ beschwerte sich Paan mit gespielter Empörung.
„Jaja, los rein jetzt. Und dann erzählst du mir alles, klar?“
„Klar.“
Von seinem Feuerwerk verriet er natürlich kein Wort, während er auf Lilys Bett saß und sie seine Wunde mit einem kleinen Stich nähte. Anschließend klebte sie ein Pflaster darüber, das gerade so groß war, dass es die Verletzung verdeckte. Statt dessen erzählte Paan ihr, er habe einen kleinen Ausflug durch die Oberstadtstraßen unternommen, um die schönen Luftschiffe der reichen Aristokraten aus der Nähe zu sehen, als ihm ganz plötzlich und unverhofft Miikael und seine Bande über den Weg gelaufen seien. Von da an erzählte er ihr dann die Wahrheit über das, was passiert war. Er konnte nicht so recht sagen, ob sie ihm seine Geschichte abkaufte, sie schüttelte nur manchmal entsetzt oder ungläubig den Kopf, strich sich dann und wann eine Strähne aus dem Gesicht, aber unterbrach ihn nicht und fragte auch nicht weiter nach, als er geendet hatte.
Als er schließlich aufstand und zur Tür ging um sich zu verabschieden und sich eine wohlverdiente Portion Schlaf zu gönnen, gab sein Bauch ein lautes Grummeln von sich. Seit dem Frühstück heute Morgen hatte er kaum etwas gegessen, nur ein paar trockene Kekse, während er sein Feuerwerk gebastelt hatte. Lily schenkte ihm ein mitleidiges Lächeln.
„Jetzt hätte ich doch beinahe das Wichtigste vergessen.“
Sie ging zu ihrer Kommode, auf der ein kleiner Teller stand, mit einer kalten Gemüsesuppe in der noch ein paar einsame Brotwürfelchen schwammen.
„War noch übrig“, sagte sie nur, als sie Paan die Schüssel in die Hände drückte. Dem lief das Wasser schon im Mund zusammen, und er musste erstmal schlucken, bevor er etwas sagen konnte
 „Oooooh, danke Lilyiii ! Du bist die Beste! Ich glaub ohne dich wär ich heute Nacht bestimmt verhungert!“
„Ja klar, und verblutet auch. Dabei hast du noch einen Küchendienst nachzuholen, mein Lieber. Ich hab‘s nicht vergessen.“
„Für dich mach ich sogar zwei“, sagte er grinsend.
„Oho, jetzt aber ab ins Bett, wie mir scheint, kriegst du auch noch Fieber.“
„Na gut. Gute Nacht Lily.“
Er drehte sich um, drückte leise die Türklinke und machte sich bereit mit seinem Teller in der Hand nach oben zu schleichen.
„Ach, und Paan?“
Er drehte sich noch einmal um. Patsch!





Am nächsten Morgen war Paan kaum zu bremsen. Mit dem Frühstück konnte es ihm gar nicht schnell genug gehen, also packte er sich eine große Scheibe Brot und ein paar getrocknete Früchte ein und rannte mit einem lauten Freudenschrei aus dem Haus. Er lief ohne Umwege hinauf in die Oberstadt. Während er noch seine Mahlzeit herunter schlang, drängte er sich staunend durch die Menschenmassen in den bunten Prachtstraßen, vorbei an Ständen die nur so überquollen von Waren aus aller Herren Länder - vieles davon war Beutegut aus anderen Stadtstaaten; er sah Straßentheater in kleinen Seitensträßchen, wo heitere Komödien zu sehen waren, während in den Bars und Lokalen Musik gespielt wurde, zu der die Leute tanzten und sangen; es gab Schieß-Wettbewerbe mit StreamGuns und bunte Rennschiffe, die sich am zweiten Tag des Festes ein heißes Rennen durch die Schlucht liefern würden. Sie drehten heute bereits ein paar Runden über den Köpfen der Feiernden um ihre Fans schon mal anzuheizen. Jedes Mal wenn einer von ihnen vorbeisauste jubelten die Leute in den Straßen ihnen zu und spornten sie zu kleinen Showeinlagen und Flugkunststückchen an.
Bis zum Mittag hatte Paan noch nicht einmal ein Drittel des Festes erkundet und war schon völlig platt. Also reihte er sich in die lange Schlange vor einer der vielen Fressbuden ein und gönnte sich einen dampfend heißen Fleischspieß im Teigmantel, an dem er sich vor lauter Gier beim Essen die Zunge verbrannte. Während er sein Mittagessen ungeduldig hin und her wedelte, damit es schneller abkühlte, suchte er sich ein gemütliches Plätzchen auf der Brüstung einer großen Brücke. Dort saß er eine Weile, genüsslich auf seinem Fleisch kauend und beobachtete die Menschen und Luftschiffe, die an ihm vorüberzogen.
Einmal sah er Lily, die mit einer Horde von sieben Kindern unterwegs war und sichtlich Mühe hatte die wilde Meute beieinander zu halten. Paan winkte ihnen zu und rief sie über den Lärm der Menge hinweg zu sich herüber.
„Hey Lily, hast du schon das Marionettenspiel gesehn? Da spielen dieses Mal sogar echte dressierte Tiere mit. Das is‘ sooooo lustig!“
Erschöpft lehnte sie sich neben Paan an die Brüstung.
„Puuh. Nein, hab ich noch nicht. Ich hab überhaupt noch nicht sehr viel gesehn, weil ich die ganze Zeit diese Rasselbande im Auge behalten muss. Siehst du, da geht‘s schon wieder los. He, Kimi! Komm wieder her, wir machen jetzt erst Mal ein kleines Päuschen.“
„Och nöööööö.“
Kaum waren alle wieder beieinander, kam auch schon die nächste Herausforderung.
„Du Lily, ich hab sooooooo viel Hunger.“
„Ich auch!“
„Ich will das, was Paan hat.“
„Ich auch, ich auch!“
Und schon stimmten alle in den Chor ein. Lily seufzte und schaute flehend zu Paan hinüber.
 „Schon gut“, sagte der mit einem mitleidsvollen Lächeln, „ich übernehm das.“
Dankbar drückte ihm Lily die Geldbörse in die Hand, die sie von Frau Difuur für die Verpflegung der kleinen Waisen mitbekommen hatte.
“Also gut“, rief Paan und rieb sich die Hände, „mal herhören ihr Leichtmatrosen! Wer als Letzer in der Kombüse ist, muss nachher das Deck schrubben!“
Mit diesen Worten sprang er von der Brüstung und rannte voraus, der Rest der Bande folgte ohne zu zögern mit lautem Geschrei und viel Geschubse.
„Warum mach ich mir überhaupt die Mühe?“ stöhnte Lily und musste doch ein bisschen lachen, beim Anblick des kleinen Pinn, der seine zu weite Hose mit beiden Hände festhalten musste, damit er sie beim Rennen nicht verlor.

Eine knappe halbe Stunde später war Lilys kleine Verschnaufpause vorbei. Die Kinder kamen, allesamt zufrieden an ihrem Festtagsschmaus nagend, im Gänsemarsch hinter Paan her getrottet. Stolz überreichte dieser ihr die Geldbörse.
„Wir haben verhandelt wie echte Kaufmänner.“
„Nein, wie Piraten!“ kam es schmatzend aus der Meute.
„Pssst“, machte Paan mit einem verschwörerischen Augenzwinkern in Richtung des kleinen Pinn.
„Also, wir haben verhandelt wie echte Kaufmänner, und zwei Fleischspieße umsonst bekommen. Toll, nicht wahr? Und der hier ist für dich.“





Als die Kinder ihre Mahlzeit beendet hatten, machten sie sich mit ihrer Begleiterin auf den Weg zum Marionettenspiel. Im Gehen drehte sich Lily noch einmal zu Paan um.
„Schauen wir heute Abend zusammen die Parade an?“
„Mmh...,“ er versuchte sich vorzustellen wie Lily wohl auf sein Feuerwerk reagieren würde.
„Okay. Treffen wir uns an der südlichen Palastbrücke? Ich weiß schon einen Platz von dem aus wir einen prima Ausblick haben.“
Damit verabschiedeten sie sich und Paan zog alleine weiter über das Fest. Er stattete dem Lager der Rennpiloten einen Besuch ab und durfte dort in einem der schnellen Luftschiffe probesitzen, während es von den Mechanikern mit neuen StreamPacks bestückt wurde. Der Pilot schenkte ihm sogar eines der ausgedienten StreamPacks als Erinnerungsstück. Paan nahm sich vor, ihn dafür bei dem morgigen Rennen ganz besonders laut anzufeuern.

Voller Stolz und mit strahlenden Augen schleppte Paan fortan den eigentlich viel zu großen Energiespeicher, auf dem das Emblem des Rennteams prangte, wie eine Trophäe mit sich herum. Es dauerte jedoch nicht sehr lange, bis ihm das massive Teil zu schwer wurde, um es weiter so durch die Gegend zu tragen. Also machte er sich auf die Suche nach einem Händler, der alte Armee- oder Flugausrüstung verkaufte, in der Hoffnung, dort etwas zu finden, mit dem er das Pack leichter transportieren konnte. Nach langem Stöbern, und kurz bevor ihm die Arme abzufallen drohten, fand er dann endlich einen Rucksack, der dafür geeignet war, das große StreamPack einigermaßen bequem zu schultern. Doch trotz erfolgreichen Verhandelns, musste er sein gesamtes restliches Taschengeld zusammenkratzen, um sich den Rucksack leisten zu können.
Jetzt konnte er sich zwar keine der süßen Leckereien mehr leisten, auf die er sich eigentlich so gefreut hatte, aber dieses Opfer war er bereit zu bringen. Schließlich war es eine lohnende Investition. Wenn er sich nur vorstelle, was mit so einem Kraftpaket von Batterie alles möglich war, sobald er es wieder auf Vordermann gebracht hatte.
Als er dann aber an den Buden mit dem Süßgebäck vorüber ging, ohne den duftenden Verlockungen nachgeben zu können, musste er sich doch sehr zusammenreißen. Er wollte so kurz vor dem Höhepunkt des Tages schließlich nicht das Risiko eingehen beim Süßigkeitenklau erwischt zu werden. Später vielleicht, wenn es dunkler war, und die Verkäufer etwas benebelt von dem süßen Wein, den sie sich während der Parade gerne gönnten.





Der Nachmittag ging langsam in den Abend über und als die Leute anfingen, sich gute Plätze mit freier Sicht auf die bald beginnende Parade zu suchen, machte Paan sich auf den Weg zu dem mit Lily vereinbarten Treffpunkt.
Sie wartete bereits auf ihn. Lily stand in der Mitte der südlichen Palastbrücke, wo nur noch eine schmale Gasse zwischen den Leuten war, die sich hier zu hunderten drängten, um den großen Festschiffen möglichst nah zu sein, wenn diese nachher über und unter der Brücke vorbei zogen. Sie winkte ihm fröhlich lächelnd zu, als sie ihn entdeckte.
„Ich hoffe an dem Platz, den du ausgesucht hast, sieht es nicht so aus wie hier, sonst bekommen wir von der Parade wahrscheinlich nicht allzuviel mit, Paan.“
„Keine Sorge, unser Plätzchen ist ganz bestimmt noch frei“, erwiderte Paan mit einem breiten Grinsen.
Lily ahnte schon, was das bedeutete.
„Das heißt dann wohl, dass wir klettern müssen, um dort hin zu kommen, hab ich Recht?“
„Mmmh, ein bisschen vielleicht.“
Lily seufzte.
„Hätte ich mir ja denken können, dass du auf eine Dame keine Rücksicht nimmst.“
Paan sah sie fragend an.
Lily hob drohend den Zeigefinger, „Kein Wort! Los gehen wir, bevor ich‘s mir anders überlege.“

Sie kamen recht gut voran, da die Menschen sich alle an den zum Abgrund der Schlucht gewandten Rand der Straßen drängten, von wo aus man die beste Sicht hatte. Kurz bevor sie die große Gabelung der Schlucht in der Mitte Ravaans erreichten, blieb Paan stehen.
„Wir sind da. Siehst du, von hier aus haben wir den perfekten Ausblick. Wir können die Schiffe von da kommen sehen“, er zeigte in die Richtung aus der sie gekommen waren, „und wenn sie an uns vorbeigeflogen sind, sehen wir, wie sie mit den anderen Schiffen, die aus den beiden nördlichen Tälern kommen, dort zusammen um den Palast kreisen. Und das da wird unsere Loge sein.“
Lily folgte seinem Blick. Zu ihrer Linken erhob sich ein prächtiges Anwesen mit einem zweistöckigen Anbau, auf dem sich eine Dachterrasse befand, die mit exotischen Pflanzen geschmückt war. Einige der zweifellos sehr reichen Bewohner des Hauses hatten sich bereits dort versammelt, um ebenfalls das Spektakel zu verfolgen, das in Kürze beginnen sollte. Lily folgte weiter Paans Blick, der etwas weiter unten auf das breite Dach eines Vorbaus, ein Stockwerk unterhalb der Dachterrasse fiel.
„Und wie sollen wir da hoch kommen?“
 Lily stellte sich innerlich schon auf eine abenteuerliche Kletterpartie ein.
„An der Ecke da drüben, wo es in die Seitenstraße rein geht, da hat ein Händler seine ganzen Transportkisten direkt an der Hauswand gestapelt. Die könnten wir als Treppe benutzen.“
Mit diesen Worten packte er ihre Hand und zog sie mit zu besagter Stelle.
„Siehst du? Das wird ein Kinderspiel.“
Und schon war Paan dabei den Kistenstapel zu erklimmen. Ein wenig erleichtert, dass ihre Befürchtungen sich nicht ganz erfüllt hatten, machte auch Lily sich an den Aufstieg und nachdem sie vorsichtig die wackeligen Kisten hinaufgeklettert waren, standen sie schließlich beide oben auf dem leicht abschüssigen Dach. Paan überraschte Lily, als er eine Decke aus seiner Tasche zog, auf der sie es sich gemütlich machen konnten. So viel Weitsicht war sie von ihm gar nicht gewohnt, die legte er für gewöhnlich nur beim Austüfteln seiner Streiche und StreamPack-Experimente an den Tag. Zusammen breiteten sie die Decke aus und Paan legte vorsichtig seinen StreamPack-Rucksack beiseite, bevor sie sich hinsetzten und amüsiert die Leute unter ihnen beobachteten, die sich an den Straßenrändern drängten.
„Hm“, machte Paan, als sie eine Weile so dagesessen hatten.
„Für einen perfekten Festtag fehlt uns jetzt eigentlich nur noch ein bisschen süßes Gebäck zum knabbern. Das wär echt fein. Und ich Dummkopf hab mein ganzes Geld schon verschleudert. Pffff...“
Er ließ sich rückwärts auf die Decke fallen. Ja, das sah ihm ähnlich, dachte Lily. Patsch.
„He, dafür hab ich jetzt ein total mächtiges StreamPack. Mit Rucksack. Und den kann ich sogar als Kopfkissen verwenden, schau!“
Er legte sich zurück und schob das sperrige Paket unter seinem Kopf zurecht.
“Hm. Nicht sehr weich, dafür... naja. Was auch immer.“
Lily legte sich neben ihn und sah in den Himmel, wo schon die ersten Sterne im dunklen Blau des Abendhimmels flimmerten.
 „Weißt du was, Paan?“ fragte sie nach einer Weile mit einem Verschwörerlächeln auf den Lippen.
„Nee. Schieß los.“
„Ich hab noch das Geld, das ihr heute Mittag mit euren Verhandlungskünsten beim Fleischspieß-Kauf gespart habt. Wie wär‘s, wenn ich uns davon schnell ein paar kleine Leckerbissen besorge?“
„Waaaaaas? Boah!“
Paan saß plötzlich kerzengerade.
„Aber die Parade geht doch gleich los, dann verpasst du ja den Anfang!“
Lily winkte ab, „ach was. Wir sind vorher an einem Stand vorbeigelaufen wo sie gefüllte Kekse verkaufen. Der ist gleich da vorne um die Ecke.“
„Na gut, aber beeil dich, okay?“
„Mach ich. Und keine Sorge, die werden bestimmt nicht ohne mich anfangen.“
Sie zwinkerte Paan zu und lief dann spielerisch balancierend wie eine Seiltänzerin über das Dach zu den Kisten, wo sie ihm noch einmal winkte, bevor sie die improvisierte Treppe hinunter stieg. Paan schaute ihr hinterher bis sie in der Menschenmenge verschwand und lehnte sich dann wieder zurück.
Er stellte fest, dass er sich noch gar keine Gedanken darüber gemacht hatte, wie er sein Feuerwerk inszenieren sollte. Er wollte es auf jeden Fall beim Höhepunkt der Parade zünden, wenn alle Schiffe um den Regierungspalast kreisten. Das würde ein atemberaubender Anblick sein, wenn über den hunderten von Schiffen der Himmel plötzlich in allen Farben hell erstrahlte und es tausende von kleinen Lichttropfen regnen würde. Aber sollte er selbst den Auslöser betätigen? Oder sollte er vielleicht Lily den Fernzünder in die Hand drücken? Und wenn sie ihn dann fragte was es damit auf sich hatte, würde er sie einfach auffordern den Knopf zu drücken. Das wäre bestimmt eine gelungene Überraschung! Ja, so wollte er es machen. Wo blieb Lily überhaupt? Er schaute in die Richtung in der sie verschwunden war, konnte aber keine Spur von ihr entdecken.
Stattdessen vernahm er kurz darauf von etwas weiter hinten eine Welle von lauter werdendem Jubel und Geklatsche. Die Parade hatte begonnen und musste schon ganz in ihrer Nähe sein.
Und tatsächlich, zwei Minuten später sah er die tanzenden Lichter des ersten Schiffes um die Ecke hinter der südlichen Palastbrücke gleiten, wo er sich mit Lily getroffen hatte. Das große Schiff hob zu einem sanften Steigflug an, um über die Brücke hinweg zu schweben, wobei die bunten Fahnen, die an seinen Seiten herab hingen, beinahe die Köpfe der Menschen auf der Brücke streiften. Diese wiederum sprangen hoch und versuchten eines der prächtigen Banner zu berühren. Es war ein alter Brauch, der einem ein Jahr lang Glück und Wohlstand bescheren sollte.
Paan konnte jetzt bereits die wild kostümierten Tänzer erkennen, die sich auf den Decks der Paradeschiffe in wirbelnden Kreisen umeinander drehten und die Menge auf den Straßen dazu anheizten mitzutanzen. Von Lily war immer noch nichts zu sehen. Warum dauerte das denn solange? Dabei hatte sie doch gesagt, sie würde gleich wieder da sein. Er versuchte sich ein wenig zu beruhigen, ging in Gedanken nochmal die Schritte seines Plans durch, das half ihm meistens einen kühlen Kopf zu bewahren. Doch nicht so dieses Mal.
Ein Bild durchzuckte seine Gedanken wie ein Blitz, ließ sein Herz einen Schlag aussetzen... Nein! Der letzte Feuerwerkskörper! Er hatte vollkommen vergessen die Zündfrequenz für den letzten Feuerwerkskörper in seiner Fernbedienung zu deaktivieren! Seine Gedanken begannen zu rasen. Mit feuchten Händen holte er den Zünder aus seiner Tasche. Er hatte das passende Werkzeug nicht dabei, musste improvisieren. Fieberhaft suchte er nach einer Lösung, machte sich schon daran das Gehäuse des Gerätes zu öffnen, doch es wollte ihm nicht so recht gelingen.
Unten ging ein Raunen durch die Menge.
Paan ignorierte es, ihm war gerade eine Möglichkeit eingefallen, das Zündsignal zu blockieren. Er musste nur noch dieses blöde Ding auf bekommen.
Das Raunen schwoll zu einem vielstimmigen Gemurmel an.
Hoffentlich kam Lily nicht gleich auf das Dach geklettert, sonst war seine schöne Überraschung dahin.
Erst als die ersten beunruhigten Rufe von unten zu ihm hoch drangen und er aus den Augenwinkeln sah wie die Menschen auf den Straßen vom Rand der Schlucht zurückwichen, sah Paan schließlich doch auf.
Und zum zweiten Mal setzte sein Herz einen Schlag aus. Wie hypnotisiert stand er vorsichtig auf und ließ den Fernzünder wieder in seine Tasche gleiten. Der Anblick der sich ihm bot war in höchstem Maße ungewöhnlich, und für einen Moment fragte er sich ob, er träumte. Dann machte sich ein mulmiges Gefühl in seinem Magen breit, denn was er da sah konnte nichts Gutes verheißen.
Zwischen den bunten Paradeschiffen erhoben sich träge und anmutig zugleich, wie auftauchende Wale aus den Tiefen der Schlucht, fremdartige weiße Schiffe, wie Paan sie noch nie zuvor gesehen hatte. Ihre geschwungenen weißen Flächen reflektierten das Licht der festlichen Beleuchtung, während ihre schwarzen kantigen Eingeweide, die an einigen Stellen das strahlende weiß von Innen heraus durchbrachen, alles Licht zu verschlucken schienen. Auf ihren finsteren halbtransparenten Flügeln schimmerte ein schwaches Glühen, das hin und her wogte wie aufgewühltes Wasser und dabei ein mehrstimmiges Summen von sich gab.
Einige der fremden Schiffe schwebten nun sehr nahe an die Straßen heran, auf denen die verängstigten Menschen immer weiter zurückwichen und sich an die Häuser drängten. Als die fliegenden Ungetüme beinahe den Boden berührten kamen sie zum Stillstand und gaben ein leises Zischen von sich. Für einen Augenblick herrschte Ruhe.
Dann begann der Sturm. Die Bäuche der Schiffe öffneten sich und heraus quollen schwer bewaffnete Scharen von weiß gepanzerten Soldaten, die in Windeseile auf den Straßen ausschwärmten. Wie Wölfe trieben sie die panische Bevölkerung vor sich her, drängten sie enger zusammen, die Waffen immer im Anschlag, bereit jeden aufkeimenden Widerstand sofort niederzuschmettern. Niemand wagte es jedoch sich gegen die Angreifer zu erheben.
Während sich diese unwirklichen Szenen vor Paans Augen abspielten, stand er wie versteinert auf dem Vordach und konnte sich nicht bewegen. Wie in einem Alptraum, in dem man vor einem übermächtigen Schrecken davon laufen wollte, aber nicht von der Stelle kam, so sehr man es auch versuchte.
Erst als ein Schrei, direkt unter ihm auf der Straße, seine Ohren erreichte, der anders war als die vielen anderen Schreie, durchfuhr ihn ein Ruck, als hätte man ihm den Boden unter den Füßen weggezogen.
„Paaaaaaaaan!“
Er schaute nach unten. Lily war dort, und sie blickte hilfesuchend zu ihm hoch. Sie hatte sich aus der panischen Menge losgerissen, um zu ihm zu gelangen und war dabei gestürzt. Schon kam einer der Angreifer auf sie zu gerannt, die Waffe drohend erhoben, um sie wieder zurück in die Menge zu drängen. Lily schien vor Angst wie gelähmt. Paan fühlte wie ihn ein Adrenalinstoß aus seiner eigenen Starre befreite, er griff blitzschnell nach dem großen StreamPack hinter sich und schleuderte es mit aller Kraft auf den Soldaten, der nur noch drei Schritte von Lily entfernt war. Er traf ihn genau am Kopf. Der Angreifer taumelte rückwärts, stolperte und fiel. Sein geschlossener Helm hatte den Aufprall jedoch unbeschadet überstanden und er war schon wieder dabei sich aufzurappeln. Zu seiner Linken sah Paan schon zwei weitere Soldaten, die sich aus ihrer Gruppe gelöst hatten und jetzt auf Lily zu rannten. Ohne zu zögern ließ er sich rückwärts über die Dachkante gleiten, hielt sich kurz an der Regenrinne fest und sprang dann auf die Straße hinunter. Ein stechender Schmerz durchfuhr seinen Knöchel, aber darauf konnte er jetzt keine Rücksicht nehmen. Mit einem großen Satz war er bei Lily, half ihr mit einer Hand auf, mit der anderen schnappte er sich das StreamPack und dann rannten sie.
Sie liefen dicht an den Häusern entlang, fieberhaft nach einem Ausweg suchend. Die beiden hinzu geeilten Soldaten hatten ihren gestürzten Kameraden inzwischen erreicht, und zu dritt nahmen sie die Verfolgung auf. Überall standen Trauben von Menschen herum, dicht gedrängt wie Schafe, in Schach gehalten von den weißen Wölfen. Paan und Lily wussten, dass sie so nicht entkommen konnten, früher oder später würden ihre Hetzer sie einholen, oder andere ihnen den Weg abschneiden.
Sie kamen gerade um eine sanfte Biegung wo eine lange Reihe von Verkaufsständen die Straße säumte, als sie ihre Befürchtungen bestätigt fanden. Am Ende der Reihe waren etwa vierzig der weißen Soldaten gerade dabei zwei große Kriegsmaschinen zu bemannen und kampfbereit zu machen. Glücklicherweise hatten sie die beiden Fliehenden noch nicht erblickt, da sie mit dem Rücken zu ihnen standen. Ihre Verfolger schlossen jedoch schnell auf und gleich würden Paan und Lily den einen oder den anderen unausweichlich in die Arme laufen und ihre Flucht ein jähes Ende nehmen.
Da durchschoss wieder ein Bild Paans Gedanken, das ihm jetzt sehr viel willkommener war, als noch vor wenigen Minuten. Nur noch ein kleines Stück.
„Lily! In die Gasse da rechts! ...Jetzt!“
Als sie in die kleine Seitenstraße abbogen registrierte Paan aus dem Augenwinkel, dass der Spirituosenstand an der Ecke verlassen war. Sie rannten noch ein paar Schritte weiter bevor er einen hastigen Blick über die Schulter warf. Genau in diesem Moment rannten ihre Verfolger von links in die Gasse und von rechts kamen hinter ihnen noch einmal zwei dazu. Paan schloss seine Finger fest um den Fernzünder.
„Kopf runter, Lily!“
Er drückte den Knopf.
Augenblicklich ertönte hinter ihnen ein ohrenbetäubender Knall, ein Lichtblitz erhellte für einen Moment die finstere Gasse, Holz splitterte, Glas barst und ging in einem Regen aus tausend kleinen Scherben nieder. Die Angreifer wurden von der Druckwelle von den Beinen gerissen und zu Boden geschleudert, wo sie benommen liegen blieben. Als einige Sekunden später weitere Soldaten in die Gasse gerannt kamen, waren Paan und Lily bereits außer Sichtweite. Sie rannten bis zum Ende der Straße, bogen ab, rannten weiter durch die engen Seitenstraßen, bis sie schließlich das Ende der Unterstadttreppe erreicht hatten. Völlig außer Atem ließen sie sich auf die untersten Stufen fallen. Von ihren Verfolgern war nichts mehr zu sehen.
Aber auch sonst war es hier unten gespenstisch leer, der Lärm von oben drang nur gedämpft herunter. Wie es schien, waren die Invasoren noch nicht bis hierher vorgedrungen. Sie hatten heute Abend offensichtlich gezielt in der Oberstadt zugeschlagen, wo sich beinahe alle Bewohner der Stadt versammelt hatten um die Parade zu sehen. Und mein Feuerwerk, schoss es Paan durch den Kopf.
Sie blieben noch eine Minute auf der Treppe sitzen und versuchten wieder zu Atem zu kommen, zu begreifen was gerade passiert war.
„Paan? Wer sind die?“
Tränen liefen über Lilys Wangen, als sie ihn ansah. Er hatte sie noch nie weinen sehen. „Ich weiß es nicht. Aber mach dir keine Sorgen, ich denke hier unten sind wir in Sicherheit. Fürs Erste zumindest. Lass uns schnell nach Hause gehen.“

Während sie schweigend und mit weichen Knien zum Waisenhaus zurückkehrten, ging am Himmel über Ravaan eines der prächtigen Paradeschiffe in Flammen auf, bei dem verzweifelten Versuch den weißen Schiffen zu entkommen.

Im ersten Licht der Morgensonne sah man eine dunkle Rauchsäule vom Regierungspalast aufsteigen. Die Stadt war gefallen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen